Papas & Opas

Mit einer Girlande fängt alles an

Wie Linus nach dem Besuch im Kletterwald all seinen Mut zusammennimmt und unserer Nachbarin eine heikle Frage stellt .

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus.

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus.

Foto: BM

Berlin. Schon am frühen Morgen ist mein Enkel ziemlich aufgeregt. Mit seinem Papa hat er eine Girlande gebastelt. Sie ist blau und liebevoll beklebt mit ausgeschnittenen Törtchen, Herzen, einer Pfanne (?) und allem anderen, was seiner flinken Schere nicht entkommen konnte. „Die ist hübsch geworden, Linus“, lobe ich, „gibt es einen besonderen Anlass für die Girlande?“ Na klar, Opa, sagt er: „Heute ist Party.“ Ach ja? Und wo? „Na, hier!“

Als die Girlande an dem großen Fenster in Richtung unserer Nachbarn befestigt ist, setzt Linus seine Arbeit feierlich fort. Er schneidet jetzt Fantasietiere zurecht, die irgendwie alle gleich aussehen. Nach was eigentlich? Monstervögel? Schmetterlinge? Dinos? „Weiß nicht“, brummt er. Scheint egal zu sein. Hauptsache schön. Mich beschäftigt währenddessen eine andere Frage. Was für eine Party steigt heute bei uns? Und warum weiß ich mal wieder als einziger in unserer Familie nichts davon?

Bis Oma mir – wie so oft im Leben – die Augen öffnet: Ich habe doch selbst dazu eingeladen. Allerdings, ohne mir der Dimension bewusst zu sein. Ich habe die netten Leute von nebenan gefragt, ob sie an diesem Abend zum Essen vorbeikommen wollen. Für Linus erfüllt das offenbar alle Kriterien einer Party. Nicht zuletzt, weil zu unseren Nachbarn ihre Tochter Sophia gehört. Sie mag er besonders dolle. Deshalb auch die Vorbereitungen. Jeder bekommt eines der Fantasietiere auf seinen Teller gelegt.

Man muss wohl nicht groß erwähnen, dass es ein sehr netter Abend wird. Für uns Erwachsene, aber erst recht für Linus, der mit Sophia so schön spielen kann. Ein bisschen traurig ist er, als die Drei nach Hause gehen. Er flüstert seinem Papa etwas ins Ohr, ich kriege also nicht mit, was das Thema ist. Kopfschütteln. „Musst du morgen ihre Eltern mal fragen“, sagt mein Sohn. Linus verzieht sein Gesicht. Puh – kann diesen Job nicht jemand anderes übernehmen?

Erst mal verbringen wir den nächsten Vormittag zusammen im Kletterwald. Das ist toll. Sophia ist schon neun und klettert wie ein Eichhörnchen. Oma und Opa versuchen mühevoll, ihr zu folgen. Linus mit seinen fünfeinhalb Jahren ist noch keine 1,30 Meter groß und muss auf den Kids-Parcours. Das findet er nicht ganz so toll. Aber er nimmt sich auf Opas weisen Rat hin vor, künftig mehr zu essen, um schneller zu wachsen und sich so für höhere Aufgaben zu empfehlen. Bis dahin dreht er fröhlich seine Runden, sein Papa ist bei ihm. Auf dem Rückweg wird erneut getuschelt. Als wir Sophia nach Hause bringen, nimmt Linus allen Mut zusammen. „Darf Sophia bei uns übernachten?“

Kurze Verblüffung. Ihr Vater antwortet so, wie vermutlich die meisten Väter in diesem Moment geantwortet hätten: „Tja, ich hab nichts dagegen. Aber wir müssen das schon noch mit Mama besprechen.“ Wie sich herausstellt, ist sie zum Glück auch einverstanden. So kommt unser Übernachtungsgast mit Zahnbürste, Schlafanzug und zwei Kuscheltieren herüber.

Nach dem Abendbrot will mein Sohn die Kinder bettfertig machen. Zu spät, ist schon alles erledigt. Sophia hat das Kommando übernommen, Linus war ganz brav. Er hat entschieden, dass sie im Zimmer seiner Tante Lisa übernachten, das ist frei, sie studiert inzwischen in Halle. Warum gerade dieses Zimmer? Bleibt sein Geheimnis. Jetzt gackern sie, dass es bis ins Wohnzimmer zu hören ist. Vor dem Einschlafen liest ihnen mein Sohn ein paar Geschichten aus einem Tierbuch vor. Danach noch mal kurzes Gackern. Dann schlafen sie.

Am nächsten Morgen ist ihr Lachen schon früh zu hören. Meine freien Tage sind vorüber, vor der Arbeit will ich mich von Linus verabschieden. Ich merke, dass ich störe. Doch Opa hat eine gute Idee: „Das hat ja toll geklappt mit euch, wollt ihr das bald wiederholen?“ Die Antwort ist ein lautes gemeinsames „Jaaa!“ Natürlich müssen wir noch die Muttis und Oma fragen. Aber die Girlande lassen wir schon mal hängen.