Papas und Opas

Eine Zugfahrt, die ist lustig, die ist schön

Jedenfalls, wenn der Waggon leer und man nur mit leichtem Gepäck unterwegs ist. Beides war bei mir leider nicht der Fall.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Berlin. Kürzlich habe ich mit meinen Kindern eine zehnstündige Zugfahrt von Südtirol nach Berlin hinter mich gebracht. Ich habe einen Freund, der mich gefragt hat, warum ich denn nicht das Auto nehme. Ob Greta Thunberg mich schon so im Griff habe. Aber das Auto blieb nicht wegen der Klimaaktivistin daheim, sondern weil ich einfach lieber ein Buch lese, als stundenlang die A9 hochzuheizen, immerzu leicht gestresst wegen möglicher Lichthupendrängler, plötzlich ausbrechendem Streit auf der Rückbank, umkippenden Getränken und ähnlichen Dingen mehr. Die Zugfahrt kostet dagegen ungefähr genauso viel, man steigt einfach ein und lehnt sich zurück. So jedenfalls die Theorie.

Bahnhof Bozen, 9.30 Uhr. Der Zug kommt erst in einer Stunde. Der zehnjährige Sohn war extrem beunruhigt, ihn zu verpassen, deshalb haben wir uns so früh hinbringen lassen. Nun toben die beiden Kinder herum. Ein Blick aufs Gepäck: drei Koffer, eine Kiste Wein, drei Rucksäcke. Das wird kompliziert beim Einsteigen. Ich suche den Wagenstandanzeiger, damit wir nicht zu weit laufen müssen, wenn der Zug eingefahren ist. Während ich auf dem Bahnsteig herumirre, spricht mich ein älterer Mann im Rollstuhl an.

- Sie suchen etwas, das es nicht gibt!

- Wie bitte?

- Den Anzeiger. Gibt’s hier nicht.

- Oh. Das ist ja doof.

- Fragen Sie mich mal.

Wir haben im Wagen 259 reserviert und stellen uns auf gut Glück in der Mitte des Bahnsteigs auf. Die Tochter behauptet, dass der Wagen genau vor unserer Nase halten werde. Ihr Bruder und ich lachen sie aus. Als der Zug dann einfährt, kommt millimetergenau vor uns die Tür mit der Nummer 259 zum Stehen. Wir starren sie fassungslos an. Sie wendet gelangweilt den Blick ab.

Im Zug, 10.30 Uhr. Das Einsteigen ist eine Herkulesaufgabe. Als ich alle Koffer in den ohnehin schon komplett überfüllten Zug gewuchtet habe, stelle ich fest, dass wir in einem Abteilwagen sind, obwohl ich eigentlich Großraum gebucht habe. Im kurzen Moment der Verwirrung werde ich gleich dreimal gefragt, ob ich mit meinen beiden Kindern, den drei Koffern und der Weinkiste mal bitte kurz aus dem Weg gehen könnte. Nein, keuche ich, es ist doch viel zu eng hier gerade! Als wir das Abteil erreicht haben, stellen wir fest, dass unsere reservierten Plätze schon belegt sind. Wir bitten höflich um Freigabe. Drei Leute müssen also ihren Koffern aus dem Abteil, um drei andere mit ihren Koffern hineinzulassen. Im Gang wird laut in vielen Sprachen geflucht, es ist heiß und stickig. Nach etwa 20 Minuten Chaos sind Kinder und Gepäck platziert. Draußen ziehen die Alpen vorbei, es geht in Richtung Brenner. Ich atme durch.

Kurz vor München, 13 Uhr. Ich weiß jetzt wieder, warum ich nicht gern im Abteil fahre. Erstens sind meine langen Beine ein Problem. Wenn mir gegenüber ein Erwachsener sitzt, kann ich sie nicht ausstrecken. Außerdem ist es im Abteil immer ein Glücksspiel, mit wem man für mehrere Stunden so sein Vergnügen hat. Mein Sitznachbar entnimmt seinem Rucksack irgendwann eine nicht mehr braune, sondern schon tiefschwarze, intensiven Geruch verströmende Banane, um sie in Zeitlupe zu schälen und zu verzehren. Der Vorgang fasziniert mich so sehr, dass ich den Rest der Fahrt nicht mehr lesen kann.

Hauptbahnhof München, 14.30 Uhr. In Italien gibt es keine Wagenstandanzeiger. In Deutschland gibt es sie, dafür fahren die Züge an anderen Gleisen in umgekehrter Reihenfolge ein. Das ist genau mein Humor. Ein Lautsprecher verkündet großzügig, dass der Zug schon eine halbe Stunde vor Abfahrt bereitgestellt wird. Er verschweigt, dass seine Türen bis fünf Minuten vor Abfahrt geschlossen bleiben werden.

Berlin, 21 Uhr. Die Kinder sind ruhig geblieben, aber an Lesen war wieder nicht zu denken, weil meine Sitznachbarin Yoga gemacht hat und immer wieder fast auf meinem Schoß saß. Das nächste Mal gehe ich dann vielleicht zu Fuß.