Papas und Opas

Die Tochter schickt Selfies mit knallbunter Discobrille

Felix Müller kommuniziert gern mit seinen Kindern. Beruht das auf Gegenseitigkeit?

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: Reto Klar

Berlin. Wir leben in seltsamen Zeiten. Meine Tochter schickt mir dauernd Selfies, die sie mit Hilfe irgendwelcher Programme verfremdet. Mal hat sie einen walrosshaften Schnurrbart, mal trägt sie einen riesigen Sombrero, dann wieder ist ihr Gesicht auf eine tanzende Comicfigur montiert. Ich bekomme täglich etwa fünf bis sechs solcher Meisterwerke. Sonst höre ich nicht viel von ihr.

Ich bin die vergangenen vier Wochen Strohwitwer gewesen. Wenn Sie diese Kolumne lesen, ist das hoffentlich endlich vorbei. In dieser Zeit bin ich täglich daran gescheitert, irgendwie zusammenhängende Informationen über meine Familie zusammenzutragen. Bei mir kamen nur Bruchstücke an. Hier ein paar Beispiele.

1. Die Sache mit der Katze. Meine Tochter schickte mir eines Tages ungefähr 40 Fotos von einer Katze, die irgendwo am Urlaubsort herumstreunt. Die Fotos unterschieden sich nur geringfügig voneinander. Katze von links, Katze von rechts, Katze aus der Froschperspektive und so weiter. Dazu Smileys mit Herzchenaugen, eigentlich ganz rührend. Bis mir meine Frau am Abend desselben Tages schrieb, dass mein Sohn offenbar gerade Jugendromane liest, in denen sich sogenannte „Warrior-Cats“ dauernd gegenseitig umbringen. Da kämpft ein „Schattenclan“ gegen einen „Donnerclan“ und so weiter. In der Totenstille meiner Strohwitwerwohnung fragte ich mich, ob das eine irgendwas mit dem anderen zu tun haben könnte. Ich versuchte das telefonisch zu klären, aber lesen Sie selbst.

2. Die Sache mit dem Telefon. Es ist eigentlich niemandem begreiflich zu machen: Die Zahl der Kommunikationsmöglichkeiten hat sich mit der digitalen Revolution dramatisch erhöht, aber das heißt eben nicht, dass deshalb stärker sinnvoll kommuniziert wird. Wir können uns Nachrichten über den Facebook-Chat, Whatsapp, Twitter, Instagram, normale SMS und viele andere Dienste mehr schicken, aber ein normales, klassisches Telefonat? Ich glaube, dass das mit meiner Generation den finalen Eintrag in den Geschichtsbüchern finden wird. Jedenfalls haben meine Telefonate mit den Kindern eine starke dadaistische Schlagseite. Entweder liefern sie sich Eifersuchtsdramen, weil plötzlich beide mit Papa sprechen wollen, oder sie wollen überhaupt nicht mit mir sprechen, weil sie gerade irgendwelche Spiele auf dem Handy zocken. Ich erfuhr auf diesem Wege immerhin, dass sich mein Sohn jetzt vegan ernährt. Ich erwähnte das ja schon in meiner letzten Kolumne.

3. Die Sache mit dem Gemüse. Diese Idee mit der veganen Ernährungsweise, überlegte ich, hat natürlich was mit Greta Thunberg und der Angst vor der globalen Erwärmung zu tun. Bei meinem Sohn an der Schule ist das ein genauso großes Thema wie an den meisten anderen Berliner Schulen auch. Ich wüsste aber nur zu gern, wie er das praktisch umsetzt und lauere auf Verletzungen des veganen Gelübdes. Letztens hatte ich ihn für eine Minute auf Facetime, er aß gerade irgendeinen Riegel. „Ha!“, rief ich, „Das ist doch ein Schokoriegel! Da ist Milch drin! Nicht vegan!“ Er aber sprach: „Gähn, Papa. Supergähn. Das ist ein Riegel aus getrockneten Früchten.“ Dann sagte er, er müsse jetzt „dringend irgendwas machen“. Er legte auf.

Ich wollte aber zu gern noch wissen, wovon er sich sonst ernährt. Eigentlich, dachte ich, kommen ja nur Pommes in Frage, für sonstiges Gemüse hat er doch nicht allzu viel übrig. Immerzu Pommes, ist das nicht ein Problem? Wo kriegt er denn das ganze Eiweiß her, das er für sein Wachstum doch wohl dringend braucht? Ich rief ihn noch einmal an, aber er ging nicht mehr ans Telefon. Ich schrieb meiner Frau, sie antwortete nach einer Pause: „Leider gerade keine Zeit.“ Ratlos schrieb ich meiner Tochter, aber sie schickte mir nur ein paar Katzenbilder und ein Selfie, auf dem sie eine riesige, knallbunte Discobrille trägt.