Papas & Opas

Aus dem Tagebuch eines Strohwitwers

Zwischen Phantom-Brotboxen und Kreuzworträtsel: Wenn der Rest der Familie mal weg ist, wird das Leben plötzlich ganz langsam.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: Reto Klar

Jedes Jahr in den Sommerferien fahren meine Frau, meine achtjährige Tochter und mein zehnjähriger Sohn zu meinen Schwiegereltern nach Italien. Ich komme erst für die letzten beiden Ferienwochen hinterher, bin also vier Wochen allein in Berlin. Hier ein kurzer Überblick, wie das so ist.

Sonnabend. Tagsüber die Wohnung aufgeräumt, abends dann bei Freunden zum Essen eingeladen. Die beiden haben eine fünfjährige Tochter, ein befreundetes Pärchen mitsamt vierjährigem Sohn ist auch zu Gast. Ich komme rein und sehe überall Bauklötze, Holzbananen aus dem Kaufmannsladen, aufgeschlagene Bilderbücher und ähnliches Zeug herumliegen. Die beiden Kleinen toben wild herum und schlagen die Türen so laut zu, dass allen fast die Trommelfelle rausfliegen. Ich finde das super, weil ich das so gut kenne und jetzt vier Wochen Pause davon habe. Ich denke kurz daran, dass unsere beiden Kinder viele Freunde im Haus haben und deshalb die Türklingel am Wochenende niemals stillsteht. Dieses Wochenende werde ich sie einfach abstellen, denke ich und grinse.

Sonntag. Leicht verkatert aufgewacht. In der Wohnung ist es totenstill. Ich gehe duschen, keiner platzt ins Badezimmer, rennt wieder heraus und lässt die Tür weit offen stehen. Ich gehe ins Café und lese die Zeitungen, danach schlendere ich unschlüssig in der Gegend herum. Ich gehe nach Hause und gieße die Blumen. Es ist schon wieder so still. Ich rufe das Handy meiner Frau an. Meine Tochter geht ran, sie wirkt genervt.

- Was willst du, Papa?

- Nur ein bisschen reden.

- Worüber denn? Ich hab zu tun.

- Du hast zu tun? Du willst nur weiter auf dem Handy spielen!

- Genau. Tschüss!

Abends Döner.

Montag. Ich wache um sechs Uhr ganz ohne Wecker auf. Seitdem die Kinder auf der Welt sind, brauche ich keinen Wecker mehr, ich wache immer um sechs Uhr auf. Auch wenn sie nicht da sind. Ich liege eine Stunde im Bett und lese, schrecke aber immer wieder auf, weil ich denke, ich müsste noch Brotboxen packen oder das Zähneputzen der Kinder überwachen. Tagsüber dann Büro, viel zu tun, die Zeit vergeht schnell. Ich versuche meine Frau anzurufen, aber meine Tochter drückt mich einfach weg. Danach schickt sie mir ein paar Smileys, es scheint bei ihr Restbestände eines Gewissens zu geben. Abends beim Dönermann die „B.Z.“ vom Vortag durchgeblättert. Kurz überlegt, das Kreuzworträtsel zu lösen.

Mittwoch. Über den Facebook-Chat herausgefunden, dass meine Frau offenbar noch am Leben ist. Sie verspricht, mit der Tochter mal ein ernstes Wort zu reden. Am späten Nachmittag erwische ich dann tatsächlich meinen Sohn am Telefon. Er erzählt, dass er sich jetzt vegan ernährt und nicht mehr nur vegetarisch, und zwar weil er erfahren hat, dass vegetarische Ernährung unfair gegenüber den weiblichen Tieren ist, wegen der Milchwirtschaft und so weiter. Ich frage mich kurz, ob vegane Ernährung für einen Zehnjährigen eine besonders schlaue Idee ist. Dann platzt die Tochter ins Gespräch und erklärt, sie würde jetzt superfleißig Englisch lernen. Auch das fehlt im Strohwitwer-Leben: diese plötzlichen, absurden Themenwechsel. Im Dönerladen dann heute mal Falafel gegessen. Es kommt mir so vor, als würde mich der Dönermann inzwischen etwas mitleidig anschauen. Er stellt mir einen türkischen Tee hin.

Sonnabend. Erster Gedanke morgens: Heute ist noch nicht mal Bundesliga. Nach dem Kaffee unschlüssig den Fernseher angemacht, zum ersten Mal seit Monaten. Es ist nichts im Fernsehen. Angeödet aus dem Fenster geschaut und an einen Satz von Max Goldt gedacht, sinngemäß zitiert: „Manchmal ist auch nichts im Fenster.“ Überraschend ruft die Tochter an, wir albern herum. Schön.

Abends Spaghetti gekocht.