Papas & Opas

Warum ich meinen Kindern keine Standpauken halten will

Anblaffen, runterputzen, eine Standpauke halten: Das sollte man sich bei seinen Kindern sparen. Was, wenn es trotzdem passiert?

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn

Foto: Reto Klar

Berlin. In der vergangenen Woche habe ich über Standpauken nachgedacht. Standpauken haben ja keinen besonders guten Ruf. Ich habe mal nachgelesen, warum das so ist. Der Begriff findet sich erstmals im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, und zwar offenbar als Synonym für Strafpredigten, bei denen auch noch wild auf eine Pauke eingedroschen wurde. Man muss sich das mal vorstellen: Da wird man schon öffentlich angeschrien, und dann wird das auch noch von diesem irren Lärm begleitet. So ähnlich stelle ich mir ein Rammstein-Konzert vor.

Jedenfalls habe ich vor ein paar Tagen die erste Standpauke meines Lebens gehalten. Ich telefonierte mit meinem zehnjährigen Sohn. Der hat gerade Schulferien und ist mit dem Rest der Familie bei den Schwiegereltern in Italien. Ich bin in der Stadt geblieben, weil ich arbeiten muss. Es ging um die Frage, ob er ein Fußballcamp mit Michael Rummenigge besuchen soll.

- Papa, ich hab keine Lust. Michael Rummenigge, wer soll das sein?

Diese Frage machte mich erst für ein paar Sekunden fassungslos, dann brach sie aus mir heraus: Die erste Standpauke meines Lebens. Ich konnte nichts dagegen tun. Aufgebrachte 15 Minuten hielt ich einen Vortrag über diesen großartigen Fußballspieler. Ich schilderte das Pokalfinale 1989, das der BVB mit Rummenigge in Berlin mit 4:1 gegen Werder Bremen gewonnen hatte. Ich erzählte, dass damals die Mauer noch stand und kein Mensch wusste, dass sie nur wenige Monate später weg sein würde. Ich erzählte, dass ich damals im Olympiastadion war, mein Vater noch lebte und ich ein Trikot mit Rummenigges Namen drauf anhatte. Und wie wahnsinnig glücklich ich an diesem Tag war.

Und wenn er das schon nicht überzeugend genug fände, dann solle er bitte bedenken, dass dieser Mann sicher mehr vom Fußball verstünde als er und ich und alle seine Fußballkumpels zusammen. Ich redete mich weiter in Rage und schickte ihm Videos mit den besten Toren von Michael Rummenigge. Irgendwann unterbrach er mich.

- Du kannst gut überreden, Papa. Ich geh dann mal da hin.

Mich ließ das Ergebnis der Standpauke mit gemischten Gefühlen zurück. Ich war mir unsicher, ob ich ihm meinen Willen unbedingt hätte aufzwingen sollen. Andererseits hatte mein Monolog sicher etwas damit zu tun, was mich eigentlich bei allen Menschen und besonders bei meinen Kindern immer zielsicher in den Wahnsinn treibt. Und das ist die abfällige Frage „Wer soll das sein?“ Etwas oder jemanden nicht zu kennen und etwas oder jemanden trotzdem einfach abzulehnen, das halte ich für ignorant. Meine Tochter zum Beispiel hat in ihrem ganzen achtjährige Leben noch nicht ein einziges Mal asiatisches Essen probiert und ist sich dennoch sicher, es nicht zu mögen. Wir haben darüber schon die irrwitzigsten Gespräche geführt.

Ich tröstete mich schließlich mit dem Gedanken, mein Sohn könnte ja immer noch mir die Schuld geben, wenn das mit dem Fußballcamp doch nicht so schön wird.

Danach saß ich in meiner einsamen Strohwitwerwohnung und dachte über das Schimpfen nach. Im Deutschen gibt es ja bemerkenswert viele Synonyme dafür: die Leviten lesen, in den Senkel stellen, lang machen, vom Leder ziehen, anschnauzen, den Kopf waschen, aufs Dach steigen, zur Schnecke oder zur Minna machen, zusammenstauchen, zusammenscheißen, ins Gebet nehmen, sich jemanden vorknöpfen und so weiter.

Mir fiel die alte und schon viel zu oft erzählte Legende von den Eskimos ein, die angeblich unzählige Wörter für Schnee haben. Die Deutschen scheinen einen ähnlich nuancierten Begriff vom Schimpfen zu haben. Deutschland ist ein Land mit einer stolzen, jahrhundertealten Runterputz- und Anblafftradition, die vor allem, so scheint mir, im alltäglichen Berufsverkehr der Hauptstadt Berlin gepflegt wird. Ich schaltete die Nachttischlampe aus und nahm mir vor, da in Zukunft nicht mehr mitzumachen.