Papas & Opas

Die Gefühle meines Fahrrads

Wenn der Rahmen kaputt ist, muss nicht auch noch das Herz gebrochen werden: Felix Müller mit Notizen zu seinem Ausflug mit der Tochter.

Felix Müller.

Felix Müller.

Foto: Reto Klar

Berlin. Den vergangenen Sonnabend wollte ich eigentlich im Bett verbringen, aber ich hatte nicht mit meiner achtjährigen Tochter gerechnet. Sie bestand darauf, ins Freibad zu gehen. Nun war das Wetter genau richtig dafür, ich konnte also wenig dagegen sagen. Ich suchte das nächstgelegene Bad heraus – das Sommerbad in Pankow – und prägte mir die Route ein.

– Fahren wir Fahrrad?

– Ja.

– Mit Deinem?

– Ja.

Als die Kinder klein waren, hatte ich so einen monströsen Sitz auf dem Gepäckträger. Der ist längst eingemottet, stattdessen habe ich einen kleinen Sattel auf die Mittelstange montieren lassen und links und rechts zwei Fußstützen ans Vorderrad. Das ging lange Zeit gut, nur diesmal zögerte meine Tochter kurz.

– Sind wir nicht langsam zu schwer für das Ding?

– Willst Du etwa behaupten, ich hätte zugenommen?

– Nein, aber ich bin doch gewachsen.

– Ach was, das hält uns doch locker aus.

– Na gut.

Tatsächlich ging es dann auch einige Zeit gut. Wir waren etwa 500 Meter vom Bad entfernt, als ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Das Fahrrad ging mitten in der Fahrt gewissermaßen in die Knie. Erst dachte ich, mein Sattel habe sich gelockert. Dann merkte ich, dass die Pedale plötzlich auf dem Asphalt schleiften. Ich hielt an und bekam einen Riesenschreck: Das Unterrohr war komplett abgebrochen. Wäre das bei höherem Tempo und zum Beispiel beim Überqueren einer stark befahrenen Straße passiert – nicht auszudenken. Meine Tochter sah mich fragend an.

– Und jetzt?

– Jetzt müssen wir wohl laufen.

– Und wie kommen wir nach Hause?

– Mit der Tram.

Zuerst gingen wir ins Freibad. Ich kann Freibäder nicht ausstehen, gerade die in Berlin kommen mir wirklich schlimm vor. Dauernd liest man von Schlägereien, Flashmobs und ähnlich unerfreulichen Dingen. Im Pankower Sommerbad, das wir gerade betraten, hatte es erst ein paar Tage zuvor einen Polizeieinsatz wegen Überfüllung gegeben. Am Eingang warteten jetzt Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, um die Taschen der Badegäste auf Stich-, vielleicht sogar auf Schusswaffen zu kontrollieren. Warum war ich eigentlich hier und nicht anderswo? Richtig, weil ich meiner Tochter einen Wunsch erfüllen wollte.

Und es war dann, ehrlich gesagt, auch gar nicht so schlimm – wenn man davon absieht, dass ich natürlich nicht das für die Schließfächer erforderliche Zwei-Euro-Stück zur Hand hatte, Handy und Portemonnaie deshalb bei den Badesachen verstauen und mir beim Schwimmen Sorgen um möglichen Diebstahl machen musste. Es war auch im Becken eindeutig zu voll und die Schlange an der Rutsche viel zu lang. Und dass mir meine geizige Tochter danach keine einzige ihrer von mir bezahlten Freibadpommes abgeben wollte, war eigentlich eine Unverschämtheit. Aber die Sonne schien, und sie war fröhlich, also war ich milde gestimmt. Als wir das Bad verließen, standen wir noch kurz vor dem zerbrochenen Fahrrad.

– Eigentlich kannst Du doch das Schloss gleich mitnehmen, Papa. Das Rad ist ja komplett im Eimer. Das klaut keiner.

– Ja, aber das kann ich doch nicht machen. Ich hab das Ding seit zehn Jahren. So lange, wie ich Kinder habe! Ich kann das jetzt nicht einfach so hier zurücklassen. Ohne Schloss. Dann ist ihm doch klar, dass ich es niemals hole.

– Du machst Dir Sorgen wegen der Gefühle eines Fahrrads, Papa?

Manchmal bin ich wirklich verblüfft von meiner Tochter. Genauso war es nämlich, ich hatte ein schlechtes Gewissen. Dieses Fahrrad hat mich fast elf Jahre meines Lebens begleitet und niemals im Stich gelassen. Ich schloss es ab und entschied, es demnächst abzuholen, es noch einmal durch die Stadt zu schieben und dann feierlich zu bestatten. Das hat es sich verdient.

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