Papas & Opas

Eine Bootsfahrt, die ist lustig

Linus hätte eigentlich lieber Kröten gesammelt. Aber am Ende gibt es auch auf der Spree etwas zu lachen. Über seinen Opa.

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Foto: Dietmar Wenck / BM

Berlin. Eigentlich hat Linus gar keine Lust auf eine Bootsfahrt. Unsere Nachbarin Sophia wäre nämlich bereit, mit ihm zu spielen, und da weiß unser Enkel was Besseres, als sich das Bode-Museum von der Wasserseite aus anzuschauen. Wie wäre es mit Kröten-Suchen in unserem Garten? Irgendwie verständlich aus der Sicht eines Fünfjährigen, dass er kurz mault. Das mit den Lurchen haben sie dann einen Tag später nachgeholt, leider ohne mich, dafür mit hoher Trefferquote. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden kann.

Es ist am Ende auch nicht soooo schwer, ihn vom Trip zur Friedrichstraße zu überzeugen, wo ein Schiffchen auf uns wartet. Sein Papa muss ihm nur was ins Ohr flüstern, und schon sagt Linus grinsend: „Ja!“ Sowieso haben wir Besuch aus dem fernen Mexiko, und da will man ja auch was zeigen von den Schönheiten der Stadt. Und nicht nur die schleimige Fauna in Heiligensee.

Wir sitzen kaum auf unseren Plätzen des Ausflugsdampfers, da ist das Geheimnis des Überredungserfolgs auch schon gelüftet. Papa zaubert ein Twister herbei, ein grellbuntes Eis, das Linus für die nächsten zehn, fünfzehn Minuten vollauf beschäftigt. Auf meine neidische Frage, ob es etwa besser schmecke als das Kaktuseis, das ich für ihn im Keller horte, antwortet er nach kurzem Nachdenken: „Ist gleichgut.“ Cleveres Bürschchen – irgendwann kommen wir schließlich mal wieder nach Hause.

Aber noch nicht. Oma ist das Eis aus ihrem Eiscafé auf die Hose geflutscht, das lenkt ihn kurzzeitig ab von der intensiven Betrachtung des Reichstages von hinten. Aber keine Häme, Oma, ist ihm auch schon passiert. Wir anderen trinken ein Bier, das wirkt so schön beruhigend in der Sonne. Jetzt nähert sich auch das Twister langsam seinem Ende, und – keine Häme – das letzte kleine Stück landet unter einem Stuhl.

Dann kommt kurz vor einer Brücke eine Durchsage, die den weiteren Fahrtverlauf stark verändert. „Bitte sitzenbleiben“, mahnt die freundliche Stimme, damit sich niemand verletzt. „Hast du gehört, Linus?“, frage ich, „steh bloß nicht auf, sonst stößt du dir den Kopf!“ Der kleine Knirps staunt. „Wiiirklich?“ Nein, war doch nur Spaß. Selbst zweimal Linus übereinander reicht dazu nicht aus. „Aber du, Opa. Mach mal!“ Von nun an muss ich also unter jeder Brücke aufspringen und versuchen, mir den Kopf zu stoßen. Die anderen Fahrgäste sehen mich an, als hätte ich nicht ein, sondern fünf Bier getrunken. Selbst schuld: Man soll seinen Enkel ja auch nicht ärgern.

Wir haben inzwischen gewendet. Die Spree ist heute voller Schiffe, es ist Sonnabend und das Wetter überragend. Die Stimme vom Band erzählt vom Checkpoint Charlie, da hat Linus auch etwas beizutragen: „Charlie kenne ich.“ Die Familie schaut ihn überrascht an. „Geht bei mir in die Kita“, klärt er uns auf. Plötzlich sagt der Papa von Linus: „Oh, ein Fetisch-Boot.“ Sein Sohn schaut kurz rüber. Schön bunte Menschen, fast wie sein Twister. Und alles in Bewegung. „Wink doch mal, dann winken sie zurück.“ Klappt aber nicht, die sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Vor dem Nikolaiviertel wird Linus plötzlich ganz still. Da sitzen Nackte auf der Ufermauer. „Leben die?“, fragt er irritiert. „Na klar“, stichele ich, „wieso nicht? Guck mal, die unterhalten sich sogar.“ Touristen haben sich neben die Bronzefiguren gesetzt, umarmen sie, lassen sich mit ihnen fotografieren. Linus wirkt ein bisschen ratlos. Zum Glück hat Oma Schokolade mit, das bringt ihn auf andere Gedanken. Und zum noch größeren Glück kommt da schon wieder eine Brücke. „Opa, Achtung!“ Ich muss hochspringen, aber auch diesmal schaffe ich es nicht mit den Händen ans Metall, geschweige denn, mir den Kopf zu stoßen.

Linus freut sich trotzdem, auch die anderen Leute an Bord haben Spaß. Ich mache diese Bootsfahrt wirklich häufig mit, wir haben ja öfter Besuch. Aber noch nie habe ich so wenig von den Sehenswürdigkeiten mitbekommen. Na und?