Papas & Opas

Wenn Youtube zur Nachrichtenquelle wird

Die Wahl zum Europaparlament hat vieles deutlich gemacht. Unter anderem das drohende Ende des Generationengesprächs.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn

Foto: Reto Klar

Ich glaube, es war der Mittwoch vor den Europawahlen, als das Video des Youtubers Rezo mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ die Mainstreammedien erreichte. Die Klickzahlen schossen in astronomische Höhen, die Hellseher aus dem Politikressort sagten bereits dramatische Einbußen für die Union voraus. Ich sah mir das Video an und redete kurz mit einer Kollegin darüber. Wir beide hatten am selben Tag erstmals von Rezo gehört.

Am Abend ging ich nach Hause und befragte beim Essen meinen zehnjährigen Sohn.

- Kennst du Rezo?

- Na logisch.

- Und wie lange schon?

- Seit Jahren. Der macht Musik. Jetzt nicht mein Lieblingsyoutuber, aber ganz okay.

- Und hast Du das Video zur CDU gesehen?

- Schon vor fünf Tagen oder so.

Wieder einmal wurde mir klar, dass ich nur auf einen ganz kleinen Teilbereich der digitalen Welt blicke und mir vieles andere verborgen bleibt. Ich bin Mitte 40 und beschäftige mich seit vielen Jahren mit sozialen Netzwerken und sonstigen Diensten im Internet, ich habe eine grobe Idee seiner Funktionsweise und seiner Programmiersprachen. Ich habe Accounts auf Facebook, Instagram, Twitter, Pinterest, Whatsapp, Snapchat und anderswo, und ich nutze sie auch regelmäßig. Und doch sehe ich immer wieder anhand meiner eigenen Kinder, dass ich damit für die Zukunft der öffentlichen Kommunikation noch längst nicht gerüstet bin. Um es kurz zu sagen: Die sehen sich einfach ganz andere Sachen an als ich, die Nachrichten- und Meinungsquellen sind grundverschieden. Nicht mehr lange, und wir werden auch nicht mehr dieselbe Sprache sprechen.

Erste Ansätze dafür sind schon erkennbar. An der Reaktion der Union auf das Youtube-Video konnte ich erkennen, dass man dort offenbar noch hilf- und ahnungsloser auf die digitalen Möglichkeiten schaut als ich bei meinen Kindern daheim. Als Rezo mit seinem Video einschlug, kündigte man zuerst ein Reaktionsvideo von Philipp Amthor an und zog dieses dann wieder zurück. Nach der Wahl und den desaströsen Verlusten für die Union verhedderte sich dann deren Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer nebulösen Forderung nach „Regeln“ im Wahlkampf, die ihre Gegner sofort und vorhersehbar in einen Ruf nach Zensur umdeuteten. Aus all dem spricht eine bestürzende Inkompetenz im Umgang mit der digitalen Öffentlichkeit, die auf diesem Planeten seit vielen Jahren Realität ist. 2013 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel viel Häme auf sich gezogen, als sie das Internet während einer Pressekonferenz als „Neuland“ bezeichnete. Schon damals gab es Youtube und die sozialen Netzwerke, aber man muss festhalten, dass die etablierte Politik in Deutschland es offenbar in sechs Jahren nicht geschafft oder für nötig befunden hat, dieses angebliche Neuland auch nur zu betreten.

Man kann sich anhand vieler Beispiele ein Bild davon machen, was das für Folgen für das Verhältnis der älteren zur jüngeren Generation hat. Da sind die wütenden Proteste der „Fridays for Future“-Bewegung, aus denen neben einer großen Sorge um die Zukunft auch ein grundsätzliches Misstrauen gegen die derzeit regierende Generation spricht. Dieses Misstrauen reicht bis in die heimischen Wohnzimmer hinein. Meine Frau erzählte mir letztens, unser zehnjähriger Sohn habe sie letztens hinsichtlich der Europawahlen regelrecht ausgequetscht: Parteiprogramme, Koalitionen im Parlament, das ganze Programm. Sie habe das alles beantwortet. Danach habe er gesagt, er werde das jetzt alles nochmal nachprüfen.

Ich habe angefangen, genauer hinzusehen, wo und wie er so etwas nachprüft. Vom wem er sich da was erzählen lässt. Die Generationen müssen über vieles reden, aber auch über ihre Informationsquellen. Sonst stecken sie irgendwann in ihren Filterblasen fest.