Papas & Opas

Eine neue Wohnung ist wie ein neues Leben

Linus ist umgezogen und hat zum ersten Mal ein eigenes Zimmer. Seine Begeisterung darüber hält sich aber noch in Grenzen.

Dietmar Wenck, Sportredakteur mit Enkel Linus

Dietmar Wenck, Sportredakteur mit Enkel Linus

Foto: bm / BM

Der vergangene Montag war bestimmt einer der aufregendsten Tage im Leben von Linus. Zum ersten Mal ist mein Enkel nämlich bewusst umgezogen, von einer Zweiraum-, wie man in Cottbus sagt, in eine frisch renovierte Dreiraumwohnung. Aus Opas Sicht eine tolle Sache, der Junge würde ja nun auch ein eigenes Zimmer bekommen. Erwartungsfroh fragte ich: „Na, freust du dich darauf?“ Seine karge Antwort: „Ich wollte das nicht.“ Ich war verblüfft.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, dachte ich. Aber hat man sich vielleicht bisher zu wenig Gedanken um die jungen Bäume gemacht? Linus ist fünf. Vier Jahre seines jungen Lebens hatte er in der kleinen Wohnung verbracht. Das ist mathematisch betrachtet wie vierzig von fünfzig – ganz schön lange. Und er hatte alles, was ihm wichtig erschien: genug Platz zum Spielen, im Wohnzimmer eine Ecke, wo er kuschelig auf seiner kleinen Matratze schlief. Wenn es ihm dort mal zu einsam wurde, durfte er natürlich immer zu Mama und Papa unter die Bettdecke huschen. Spielkameraden traf er im Innenhof, die Kita war nicht mehr als zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Linus war damit glücklich und zufrieden. Was brauchte er mehr?

Mir fiel ein weises Sprüchlein ein, das ich mal gelesen und für richtig befunden habe. Entscheidend ist nicht, wie man wohnt, sondern mit wem. Wer dieses Gefühl kennengelernt hat, versteht die Worte sehr gut, wer nicht, hat, unter uns, etwas Wichtiges im Leben verpasst. Und das ist schließlich die gute Nachricht: Die Drei bleiben ja nah beieinander. Nur auf etwas mehr Platz.

Nach der Kita hatten wir Linus zu einem Kindergeburtstag gebracht. Den wollte er trotz allem nicht verpassen. Das gab uns ein wenig Zeit. Wir konnten uns Mühe geben, dass er was zu bestaunen hat. Opa hatte das große Bett von Linus’ Tante Lisa in Berlin auseinander- und nun wieder zusammengeschraubt. Genauso einen eigenen Kleiderschrank und ein Regal, alles nicht wie neu, aber auf jeden Fall mit viel Platz für Spielsachen. Oma hatte sogar die niedliche Bettwäsche eingepackt von „Oh, wie schön ist Panama“, mit dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger drauf, auf die Linus schon länger ein Auge geworfen hatte. Das sollte ihn doch überzeugen.

Bevor wir ihm das alles präsentieren durften, hatte Linus aber einen Wunsch. „Kann ich die alte Wohnung noch mal sehen?“, fragte er, bevor er sich sein neues Domizil anschauen wollte. Wir sind direkt vom Kindergeburtstag also dort vorbei. Soeben erst verlassene Wohnungen sehen nicht schön aus. Das erkannte auch Linus. Er seufzte. Tief. Aber als ihm seine Mama zeigte, was sie noch an kleinen versteckten Schätzen von ihm hinter den Schränken gefunden hatte, lachte er schon wieder. Ein bisschen zumindest.

Als wir am Abend in die neue Wohnung kamen, sprintete Linus dann gleich rechts um die Ecke in sein Zimmer. Eins, zwei drei, seins! Auf dem großen Bett mit der großen Matratze, stellte er fest, kann man ja viel besser hüpfen. Und die Bettwäsche: „Die habe ich mir doch bei Oma ausgesucht!“ Hat also geklappt.

Wer darf dir heute vorm Schlafengehen eine Geschichte vorlesen? „Opa, die mit dem Pinguin.“ Geht klar. Weil er danach noch wach war, habe ich ihm eine Weile den Rücken gekrault, damit er gut einschlafen kann. Habe ihm erzählt, wie ich den Tag erlebt habe, wie es mich berührt hat, dass sein Herz so sehr an seiner gewohnten Umgebung hing. Dass ich mir sicher bin, dass er sich ganz bald auch in seinem neuen Zuhause, in seinem eigenen Zimmer, sehr wohl fühlen wird. Dabei ist er wohl weggeschlummert. Nachts haben seine Eltern noch mal nach ihm geschaut. Sie haben seine Zimmertür offen gelassen, damit sie ihn hören können. Nur für den Fall…

Am nächsten Morgen fragte er als erstes, wer das gemacht hat. Mama? Papa? Warum? „Meine Tür soll zu bleiben.“ Okay, Linus, es ist ja dein Zimmer. Wir freuten uns. Offenbar erobert da gerade jemand sein neues Terrain.