Papas&Opas

Süßigkeiten-Magie: Es lebe das Gummibärchen

Warum Linus immer eine kleine Tüte in seiner Jackentasche entdeckt, wenn er auf der Rückreise von einem Besuch bei Opa ist.

Gummibärchen mag Redakteur Dietmar Wenck, aber auch sein Enkel Linus.

Gummibärchen mag Redakteur Dietmar Wenck, aber auch sein Enkel Linus.

Foto: pa, BM

Kennen Sie auch diese Leute, die felsenfest behaupten, sie könnten braune und weiße Schokolade erkennen, obwohl ihnen die Augen verbunden sind? Nur am Geschmack? Meine Überzeugung: Das ist Quatsch. Ich werde jetzt nicht petzen, mit wem ich den Test gemacht habe. Sonst kriege ich Ärger mit Oma. Jedenfalls musste sie, also die Person, nach zwei Durchgängen à drei Versuchen zugeben, dass ihre Trefferquote ungefähr so ausfiel wie beim Roulette. Zu gering, um wissenschaftlich, geschweige denn von mir ernst genommen zu werden.

Genauso oft ist zu hören, wahre Gummibärchen-Experten könnten rote von gelben, weiße von orangenen unterscheiden. Ohne Hingucken! Sie ahnen, was ich davon halte, aber das soll jetzt mal nicht das Thema sein. Linus und ich legen es sowieso erst gar nicht darauf an.

Wir lieben sie einfach, die kleinen Bären, ihre Farbe ist uns völlig egal. Bis vor Kurzem fragte er mich noch: „Opa, hast du Bummibärchen?“, weil er leichte Probleme mit dem G hatte. Welche Frage – natürlich, immer! Inzwischen kommt es ihm besser von den Lippen. Und die süße Versuchung ganz flink in den Mund. Um gar nicht ins Sinnieren zu kommen, ob gelbe, rote oder weiße besser schmecken, stopfe ich mir zum Beispiel vorzugsweise zwei oder drei auf einmal rein. Das tut vielleicht meiner Taille nicht gut. Doch das Ergebnis ist: lecker!

Gummibärchen-Liebe dank Opa

Meine Liebe zu Gummibärchen hat übrigens auch viel mit meinem Opa zu tun. Als ich so alt war wie Linus jetzt, lebten meine Schwester und ich bei den Großeltern und Tante Lilo in der Lüneburger Heide, mitten im Wald. Die Mutter war früh gestorben, der Vater konnte uns nur am Wochenende besuchen. Es mag seltsam klingen angesichts dieser schwierigen Familienverhältnisse, doch es war eine relativ sorglose Zeit für uns. Wir wurden verwöhnt.

Zu den Höhepunkten der Woche zählte, wenn mein Großvater mich mitnahm zum Einkaufen bei „Müller“. Das war ein kleines Geschäft am Rande des Dorfes. Mehr so ein Stubenladen, Discounter gab es ja noch nicht. Jedenfalls nicht in diesem Nest in der Lüneburger Heide. Obwohl es nicht weit war, fuhren wir mit dem Auto zu Müllers. Mit einem schwarzen Ford Taunus, auch liebevoll „Badewanne“ genannt. Mein Großvater hatte gar keinen Führerschein, wir benutzten nur Feldwege auf der Fahrt zum Dorf. Er behauptete, das dürfe man auch ohne, es sei mit der Polizei so abgesprochen. Ich habe es meinem Opi natürlich geglaubt. Er fuhr nicht übel für meinen Geschmack, klar besser als andere – mit Führerschein.

Eine Tüte gab es immer gratis

Frau Müller und Herr Müller freuten sich jedes Mal, uns zu sehen. Da meine Großeltern ein Altenerholungsheim leiteten, waren sie gute Kunden. Gute Kunden wurden auch seinerzeit schon gut behandelt. In meinem Fall bedeutete das: Ich bekam jedes Mal eine Tüte Gummibärchen gratis. Mittelgroß, Mini-Versionen gab’s noch nicht. Plus erhobenem Zeigefinger und der Anweisung: „Aber einteilen!“ Ist klar. Weil die Jugend früher nicht anders war als heute, war die Tüte meistens leer, wenn wir zu Hause ankamen.

Faszinierend an Gummibärchen ist aus meiner Sicht nicht der Streit um die Frage, ob man sie geschmacklich nach Farben erkennen kann oder nicht. Es ist ihr Erfolg über eine so lange Zeit. Während PEZ-Bonbons, Bubbagum oder Ahoi-Brausepulver, andere Begleiter meiner Kindheit, aus den Geschäften mehr oder weniger verschwunden sind, überdauern sie schon Generationen. Nehmen wir Linus: Neben Kaktus-Eis gibt es für ihn nichts Verlockenderes als diese Haribo-Teile. Keine Sorge, seine Eltern achten darauf, dass er von mir nicht überfüttert wird damit.

Trotzdem drücken sie ein Auge zu, dass ich jedes Mal, wenn sie abreisen, eine kleine Tüte in der Jackentasche von Linus verstecke. Ich war ja noch nie dabei, wenn er sie gefunden hat. Aber die Vorstellung, dass er dann denkt: Mmhh, die sind von meinem Opa! Die finde ich süß. Noch süßer als Gummibärchen.