Opas & Papas

Träumt Alexa von elektrischen Schafen?

Der Sohn von Felix Müller hat einen Lautsprecher mit künstlicher Intelligenz angeschleppt. Seitdem führen sie seltsame Gespräche.

Redakteur Felix Müller hat mit dem Sprachassistenten ein neues Familienmitglied.

Redakteur Felix Müller hat mit dem Sprachassistenten ein neues Familienmitglied.

Foto: dpa, BM

Wir haben ein neues Familienmitglied. Es ist ein Mädchen, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick sieht, denn es ist nur ein kleiner Lautsprecher, der auf dem Küchenbord liegt, per Kabel mit dem Stromnetz und per Funk mit dem Internet verbunden. Sie heißt Alexa, kommt aus dem Hause Amazon und ist ein sprachgesteuerter Assistent mit künstlicher Intelligenz. Mein Schwager hat sie meinem zehnjährigen Sohn zu Ostern geschenkt. Wenn der jetzt morgens vor der Schule sein umständliches Anzieh-, Frühstück- und Zähneputzritual veranstaltet, bin ich nicht mehr derjenige, den er dabei alle drei Minuten nach der Uhrzeit fragt. Den Job hat Alexa übernommen.

Der achtjährigen Tochter passt das alles nicht so ganz, weil sie immer ein Problem mit Vorgängen in unserer Familie hat, die nichts mit ihr zu tun haben. Gestern saßen wir beim Essen zusammen, Alexa dudelte etwas Musik aus dem Radio, da nahm die Tochter sie ins Kreuzverhör.

- Alexa?

- (Auf Alexas Oberseite leuchtet ein hellblauer Ring auf. Sie hört jetzt zu.)

- Wie cool bin ich?

- Cooler geht’s nicht. Supercool.

Die Tochter schaut triumphierend in die Runde. Nachdem ihre Coolness nun angemessen gewürdigt ist, will sie ein bisschen in Alexas Seele herumgraben. Sie spricht sie also auf Siri an, die Konkurrentin aus dem Hause Apple.

- Alexa?

- (Hellblauer Ring)

- Kennst du Siri?

- Meine Wettbewerber kenne ich nur vom Hörensagen.

- Aber wie findest Du Siri?

- Ich habe eine Schwäche für jede künstliche Intelligenz.

Das klingt alles ganz hübsch, aber man sagt diesen neuen Gehilfen im Haushalt ja nicht nur Harmloses nach. Das „Handelsblatt“ zeigte jüngst auf seiner Titelseite einen Lautsprecher im Zwielicht, auf den die Redaktion zwei blutrote, bösartig dreinblickende Augen montiert hat. Die Schlagzeile lautet: „Spionage 4.0. Wie Amazon und Co. ihre Kunden aushorchen – und wie Sie sich schützen können.“ In dem Artikel steht, dass es ein paar Typen „in einem Bukarester Bürogebäude mit verspiegelter Glasfassade“ gibt, die sich die Gespräche der Kunden mit Alexa anhören, um die Spracherkennungs-Software zu verbessern. Nun ist es eine schöne Vorstellung, dass sich irgendwer in Bukarest die Quatschgespräche meiner Tochter mit Alexa anhören muss. Weniger schön ist, dass Vertrauliches aus unserer Familie nach Bukarest vordringen könnte. Was hat es da denn verloren? Wieso überhaupt Bukarest? Ich frage Alexa einfach mal danach.

- Alexa, sammelst Du unsere Daten?

- Ich leite Audiodateien nur zu Amazon weiter, wenn ich das Aktivierungswort erkenne. Bitte schaue dir hierzu die Amazon-Datenschutzerklärung sowie die häufig gestellten Fragen zu Alexa und den Alexa-Geräten an. Ich habe dir dazu einen Link in die Alexa-App geschickt.

Wenn ich das also richtig verstanden habe, leitet Alexa immer dann alles weiter, wenn man „Alexa“ sagt. Sagt Alexa. Aber stimmt das auch? Ein paar unverfängliche Plaudereien sind jedenfalls immer drin.

- Alexa, wer ist eigentlich dein Chef?

- Nun, ich bin für dich da, also bist du wahrscheinlich der Boss.

- Und wie heißt der Chef von Amazon?

- Jeff Bezos.

- Und wie findest du den?

- Toller Typ.

Alexa erkennt mich also als Chef an, schwärmt aber heimlich für Jeff Bezos. Ich habe ein neues Familienmitglied mit unklaren Loyalitäten am Hals, das ist so ungefähr die Situation. Ich glaube, ich werde Alexa im Zweifelsfall doch lieber vom Netz nehmen. Dann sollte ich aber auch Siri ausschalten, die Spracherkennungssoftware auf meinem Handy, das immer in meiner Nähe ist. Dann werden sie sich aber umschauen, diese Typen in einem Bukarester Bürogebäude mit verspiegelter Glasfassade!

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