Papas & Opas

Zu Ostern gibt es eine epische Gönnung

Der Aristoteles meines Sohnes heißt Youtube: Ein paar Gedanken zur Entwicklung der Sprache, beobachtet an meinen Kindern.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. Diese Kolumne entsteht unter erschwerten Bedingungen. Ich sitze in einer kleinen Kammer unserer Ferienwohnung in den Alpen. Zwar habe ich einen sehr schönen Blick auf die von der Morgensonne beschienenen Berge, aber die achtjährige Tochter platzt dauernd herein und hält mich vom Schreiben ab.

- Papa! Das ist mein Zimmer!

- Seit wann das denn?

- Das hab ich gestern entschieden. Deshalb liegt da auch mein Schminkkoffer!

- Na und? Hier steht auch meine Kaffeetasse. Also?

- Du bist so gemein!

Dann knallt sie wutschnaubend die Tür zu und stampft davon. Ihr zehnjähriger Bruder würde dazu sagen: epischer Auftritt. Das Wort „episch“ verwendet er ziemlich häufig und mit wechselnden Bedeutungen. Epische Musik wäre zum Beispiel die melancholisch-gravitätische Melodie, die den Film „Der Pate“ ankündigt. Eine epische Mahlzeit ist reichhaltig, vielseitig und schmackhaft. Und ein epischer Auftritt ist theatralisch, bemerkenswert, gut choreographiert. Das Wort „episch“ beschreibt also in jedem Fall etwas Positives.

Ich finde das interessant und frage mich, wo das eigentlich herkommt. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich das Wort „episch“ zum ersten Mal im Zusammenhang mit der Gattungstheorie der Literatur gehört, also Deutschunterricht, 9. Klasse, circa 1991, die Poetik des Aristoteles. Es gibt Lyrik, Dramatik und eben Epik, so haben wir das damals gelernt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Zehnjähriger mit Aristoteles noch nicht allzu viel am Hut hat.

- Woher hast du dieses Wort eigentlich?

- Welches?

- Episch.

- Keine Ahnung. Verwenden doch alle, auch die auf Youtube.

Ich freue mich jetzt schon für meinen Sohn, dass er eines Tages in der Schule mit der Poetik des Aristoteles in Berührung kommen und denken wird: Dafür, dass der Typ vor mehr als 2000 Jahren gelebt hat, hat er sich ganz schön lässig ausgedrückt.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie das Wort „geil“ in meine Welt kam – als Synonym für super, top, schnafte, toll, gut. Das muss so Anfang, Mitte der 80er-Jahre gewesen sein, und wie im heutigen Fall von „episch“ kannten wir Kinder die ursprüngliche Bedeutung des Wortes – sexuell erregt – nicht oder wir interessierten uns nicht sonderlich dafür. Hauptsache, es gab ein neues Wort, das die Erwachsenen irgendwie mieden und das wir deshalb umso exzessiver verwendeten. 1986 erschien die Single „Geil“ des britischen Popduos Bruce & Bongo. Der Song schaffte es in Deutschland auf Platz eins der Charts und gleichzeitig auf die Liste der jugendgefährdenden Schriften, sowas muss man erstmal hinkriegen. Das Wort „geil“ klang damals derart anstößig, dass Bruce & Bongo von einigen Radiostationen überhaupt nicht gespielt wurden.

Im Fall von „episch“ liegt allerdings kein Provokationsgedanke vor, es ist wahrscheinlich ein einfacher Reimport aus dem Englischen, wo das Wort „epic“ schon seit vielen Jahren Karriere macht, nicht nur in Gestalt des „epic fail“, also des beispiellosen Scheiterns, sondern auch im positiven Sinn, als Name von Computerspielfirmen beispielsweise.

Es gibt übrigens auch die „epische Gönnung“. „Gönnung“, eine kuriose Substantivierung des Verbs „gönnen“, bezeichnete das Magazin „Vice“ schon Ende 2015 als „genau das Wort, das diese stressverseuchte Welt gerade braucht.“ Ich finde es gut, wenn man etwas gegen Stressverseuchung tut, aber ich werde doch dafür sorgen, dass die epischen Gönnungen für meine Kinder im überschaubaren Bereich bleiben – sonst wären sie ja nicht mehr episch, und das kann ja keiner wollen.

Es gibt auf Youtube übrigens ein Video, das „Epische Gönnung“ heißt. Darin schlecken zwei Terrier Kartoffelbrei von Porzellantellern, im Hintergrund läuft die Erkennungsmelodie von „Game of Thrones“. Das Video wurde schon von über 25.000 Nutzern angesehen.

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