Papas und Opas

Zeit für einen Antrittsbesuch bei Hertha

Schwarzschwanz-Präriehunde haben gegen die kleine Eisbärin im Tierpark keine Chance. Aber anfassen möchte Linus sie nicht.

Im Dezember 2018 wurde die Eisbärin Hertha im Tierpark geboren.

Im Dezember 2018 wurde die Eisbärin Hertha im Tierpark geboren.

Foto: dpa, BM

Bei meinem Sohn kommt die Idee auf Anhieb gut an. Per WhatsApp habe ich gefragt, ob wir nicht mal zu Hertha gehen wollen. „Ich hab schon Lust drauf“, schreibt er zurück. Er müsse aber noch mit Linus und dessen Mutter sprechen. Als ich ihn darauf hinweise, dass ich unsere Zeit natürlich nicht beim Fußballspiel Hertha gegen Fortuna Düsseldorf totschlagen will (was sich als kluge Entscheidung erweist), sondern bei der kleinen Eisbärin im Tierpark, kommen als erste Reaktion drei Lachgesichter. Und dann: „Na, da sind die beiden bestimmt gern dabei.“ Genauso ist es. Und Oma will zu dieser Hertha auch mit.

Lange Schlange schon an der Kasse

Völlig überraschend hatte bei strahlendem Frühlingswetter nicht nur ein Opa den Einfall, Berlins neuen Liebling kennenzulernen. Okay, wir machen aus solchen Schock-Situationen jetzt nicht gleich ein großes Ding, stellen uns in der prallen Sonne brav in die lange Schlange. Und nach höchstens 45 Minuten sind wir schon drin im Tierpark. Völlig entspannt, ist doch Wochenende!

Wir geben uns auch nicht etwa die Blöße, sofort wie die Blöden zum Eisbären-Felsen zu hetzen. Selbstverständlich machen wir unsere Aufwartung zunächst den Bisons (liegen nur faul am Boden herum, 15 Sekunden), danach den nordamerikanischen Baumstachlern (liegen auch faul herum, aber wenigstens auf Ästen in drei Meter Höhe / zehn Sekunden) und den Schwarzschwanz-Präriehunden (kommen nicht aus ihren Löchern / fünf Sekunden). Spätestens dann geraten wir jedoch in einen merkwürdigen Sog Richtung Hertha und Tonja. So heißt die Eisbären-Mutter.

Als wir am Ziel sind, sitzt Linus auf meinen Schultern. „Niedlich“, findet er. Besser kann man es mit vielen Worten nicht beschreiben. Hertha tapst herum und macht sich ständig an Tonja heran, weil sie offenbar immer einen Bärenhunger hat.

Hertha begeistert die Besucher

Um uns herum sind konzentrierte Männer mit teuren Kameras im Dauereinsatz, als spielten sich hinter Zaun und Wassergraben elektrisierende Szenen ab. Doch der blaue Ball mit dem Schriftzug Hertha darauf, mit dem sie in den Videos von ihrer Patenschaft durch den Fußball-Giganten so schön spielt, hat wohl das Schicksal aller Bälle erlitten, die in Bären-Pranken geraten. Schwimmen gehen mag sie auch gerade nicht. Wenigstens legt sie sich auf den Rücken und zappelt mit ihren kurzen Beinchen. Ihre Fans sagen: „Ooch!“

Linus staunt: „Sie hat eine eigene Buddelkiste.“ Eisbären-Baby müsste man sein. Wirklich zum Knuddeln, man möchte das kleine Tier am liebsten mal auf den Arm nehmen, aber Linus weiß, das geht nicht: „Eisbären essen Menschen.“ Na ja, sagen wir so, man sollte ihnen jedenfalls nicht ins Gehege kommen. Sie lassen sich nämlich nicht ungestraft von Menschen anfassen. Außer Knut damals von Thomas Dörflein. Ich habe Linus die erst so schöne und dann so traurige Geschichte von den beiden erzählt. Ich habe ihm auch von Lars, dem kleinen Eisbären, vorgelesen. Beim Thema Eisbären ist Linus sozusagen Fachenkel.

Doch nicht nur Hertha gibt es im Tierpark

Aber niedlich hin oder her, jetzt würde er gern mal weiter, schließlich gibt es hier noch viele andere Tiere, ein Nashorn-Baby, einen coolen Spielplatz, den Streichel-Zoo und eine Bimmelbahn. Wir toben uns aus, vor allem Linus, der hingebungsvoll ein Schaf bürstet und sämtliche Rutschen ausprobiert. Am Ausgang gehen wir tapfer an den vielen spannenden Einkaufsideen vorbei, etwa an kleinen Eisbären aus Leder für 59,99 Euro oder aus Porzellan für 14,99 Euro.

Es gibt ein „Fühlbilderbuch mit kuscheligen Tieren“, wo gar kein Eisbär drin ist. Egal, sogar das Buch über das ewige Eis, von dem wir heute wissen, dass es um seine Ewigkeit nicht gut bestellt ist, umkurven wir, ohne schwach zu werden.

Als wir auf dem Rückweg in der S-Bahn sitzen, frage ich Linus: „Was hat dir am besten gefallen?“ Zu meiner Verblüffung antwortet er sofort: „Die kleine Eisbärin.“ Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Und die Bimmelbahn.“ Es muss ja nicht immer alles kuschelig sein.