Papas & Opas

Das Ende der Kindheit: Nachruf auf ein Doppelstockbett

In dieser Woche musste Felix Müller handwerklich tätig werden. Dabei tauchte eine Frage auf: Was ist Kindheit, und wann endet sie?

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Wenn man Kinder hat, vergeht die Zeit anders. Das liegt daran, dass so wahnsinnig viel passiert. Ereignisse, die erst ein paar Jahre zurückliegen, erscheinen deshalb wie in prähistorische Epochen entrückt. Als ich in dieser Woche das Doppelstockbett meiner Kinder auseinanderbaute, fragte ich mich nebenbei, wann und wie ich es eigentlich einmal aufgebaut habe. Das muss so vor sieben Jahren gewesen sein, in jenen düsteren Tagen, als die Kinder noch nicht durchschliefen. Ich habe so gut wie keine Erinnerung daran.

Es ist ein simples, unlackiertes Kiefernholzbett von Ikea mit dem Namen Mydal. Die Latten für den Lattenrost kann man mit Einwegnägeln aus Plastik befestigen, sie machen ein markantes Ratschgeräusch beim Einrasten in die dafür vorgesehenen Löcher, und dieses Ratschgeräusch war das Einzige, was ich nach längerem Nachdenken in meinem Gedächtnis zum Aufbau des Bettes vorfand. Jetzt war es reif für den Sperrmüll. Die Kinder hatten es im Lauf der Jahre umfangreich beschriftet - zum Beispiel hatten sie mit Filzstift auf dem Holz notiert, wer in die obere Etage darf und wer nicht. Gravierender aber war, dass die obere Etage schon seit einigen Monaten nicht mehr benutzt wurde. Ich hatte entdeckt, dass eine der Latten unter der oberen Matratze angeknackst war - und mein Kopf hatte sofort die Horrorvision eines mitten in der Nacht zusammenbrechenden Stockbetts mitsamt schwer verletzten Kindern ausgespielt. Provisorisch lag deshalb nun die Matratze auf dem Boden, daneben nahm ein sinnlos gewordenes Doppelstockbett Platz weg. Das wollte ich ändern.

Ich wuchtete also den Werkzeugkasten aus der Garderobe, fand den richtigen Schraubenschlüssel zuerst nicht, fluchte herum, fand ihn dann doch und begann, am Bett die Schrauben zu lösen. Es waren unsagbar viele, riesige Schrauben, was mache ich eigentlich jetzt damit, kann ich Schrauben einfach in den Müll schmeißen, oder ist das Sondermüll? Mir fiel auf, dass ich diese Frage nie wirklich geklärt und deshalb sämtliche Schrauben meines Lebens in meinem Werkzeugkasten gesammelt hatte, deshalb war dieser Kasten auch derart überfüllt, dass ich nichts mehr darin fand. Die Schraubenfrage mal recherchieren, dachte ich zum wahrscheinlich tausendsten Mal in meinem Leben. Es wird niemals geschehen.

Ein bisschen wehmütig wurde ich bei der Aktion jedenfalls schon. Ich habe einen zwei Jahre älteren Bruder und viele, viele Nächte meiner Kindheit in einem Doppelstockbett verbracht. Ich schlief immer oben. Es gibt ein Foto mit mir und meinem Bruder, da haben wir Schlafanzüge an, und unser Vater liegt auch im Bett und liest uns „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ vor. Wir sehen alle wahnsinnig glücklich aus. Ein Doppelstockbett, das ist doch so etwas wie Kakao, Kuscheltiere, Wasserbomben oder Freibadpommes, ein Symbol für die ersten zehn, zwölf Lebensjahre, fürs Geschwisterhaben und Höhlenbauen, für Blutsbrüderschaften, für Kissenschlachten und fürs alltägliche Chaosanrichten. Wenn man es eines Tages abbaut und wegschmeißt, dann endet auch dieser Lebensabschnitt. Ist das nicht traurig?

Dann wiederum bemerkte ich, dass ich gerade sentimentale Gefühle für ein Billigmöbel von Ikea entwickelte. Absurd. Ich stand in einem Riesenhaufen Kiefernholz.

- „Was mache ich jetzt damit?“, fragte ich.

- „Schreib ‘Zu verschenken’ drauf und stell’s an die Straße“, sagte meine Frau.

Das wiederum wollte ich nicht tun. Bei uns im Viertel ist es zu einer regelrechten Unsitte geworden, die Dinge, die man nicht mehr haben will, einfach an die Straße zu stellen. Ich begann die Latten zu zersägen, bis die Elektrosäge den Geist aufgab. Die zersägten Latten gab ich in den Müll, die unzersägten landeten in unserem Keller und die Schrauben natürlich im Werkzeugkasten. Ein bisschen was vom Bett wird also bleiben. Die Kinder vermissen es übrigens null.

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