Papas & Opas

Einmal so schöne Haare haben wie die Mama

Wie Opa unter dem Zöpfchen seines Enkels ein bisschen leiden musste. Und warum Linus irgendwann doch zum Friseur wollte.

Dietmar Wenck, Sportredakteur mit Enkel Linus.

Dietmar Wenck, Sportredakteur mit Enkel Linus.

Foto: BM

Es gibt Kinder, die machen jedes Mal Theater, wenn sie zum Friseur sollen. Und wenn sie erst dort sind, kann daraus schnipp, schnapp ein Drama werden mit Geschrei und Umsichschlagen. Was tun nach einem so einschneidenden Erlebnis?

Nur nicht verzagen – man kann sich sehr gut Trost holen in Internetforen ebenfalls Betroffener, etwa bei mamiweb.de, wo sich zum einen LeidensgenossInnen finden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Zum anderen liefern sie super Tipps manchmal gleich noch mit wie: „Bringt doch euren Schatz zu einer Freundin, die Friseurin ist. Bei mir hat’s so geklappt.“

Jene, die leider keine Friseurin in ihrem Freundeskreis haben, müssen auch nicht verzweifeln. Allerdings sollten sie schon bereit sein, ihrem Kind die Haare unter dem Tisch zu schneiden, wenn es sich das wünscht.

Zum Glück kennen wir derartige Komplikationen von Linus nicht. Okay, einschränkend sollte ich zugeben, dass man schwer Probleme mit Situationen bekommen kann, die so gut wie nie stattfinden. Der Plan unseres Enkels war seit vergangenem Jahr, sich „so schöne lange Haare wie Mama“ wachsen zu lassen.

Seine Eltern haben ihn gewähren lassen. Das ist vorbildlich. Ein Haarschnitt fällt selbstverständlich unter das Recht auf Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, schon bei einem Fünfjährigen.

Trotzdem machte sich in Opa eine gewisse Erleichterung breit, als die Mama von Linus kürzlich sechs neue Bilder in unsere Whats-App-Gruppe „Familie“ stellte. Zwei waren untertitelt mit „vorher“, eines mit „nachher“ und drei mit „während“. Unser Enkelkind lächelte in die Kamera, mit wehendem Haupthaar ebenso wie mit der neuen, deutlich kürzeren Frisur und sogar, als er gerade auf dem heißen Stuhl saß.

Vielleicht lag das an dem schicken Drachenumhang, den er da trug. Whats-App-Kommentar seines Onkels Bosse: „Steht ihm gut.“ Oma schreibt: „Linus gefällt es auch – wie man sieht.“ Meine spontane Reaktion: „Opa ist begeistert!“

Ich bin ehrlich, gedacht habe ich: wurde auch Zeit. Selbstverständlich sage ich so etwas nie, denn Opas, die sich einmischen, sind doof. Außerdem bekomme ich sonst eine Kopfwäsche von Oma gratis.

Jedenfalls hatte Linus eine ordentliche Matte, blonde Löckchen bis zur Schulter. Zugegeben: Er sah niedlich aus. Nur wenn die Haare ins Gesicht fielen, bis über die Nasenspitze, fing es selbst bei Opa schon an zu kribbeln, allein vom Hinschauen.

„Wäre es da nicht einfach praktischer ...?“, fragte ich beiläufig. „Ja, sicher. Später“, bekam ich zur Antwort. Lieber wurden Haarbänder eingeführt. Und zum Schluss auf dem Kopf eines dieser Zöpfchen geknotet, auf die Opa ungefähr so abfährt wie auf Nasenringe oder Arschgeweihe. Na gut, in solchen Dingen bin ich ein bisschen spießig und werde dafür zu Recht von meinen eigenen Leuten gehänselt.

Obwohl mir bewusst ist, dass es mein Image jetzt noch tiefer in den Keller zieht, verrate ich: Als unsere Kinder klein waren, bis zur Einschulung ungefähr, kannten sie Friseurstuben gar nicht von innen. Oma hatte einen Rasierer, der pflegeleichte und Shampoo-sparende Kurzhaarschnitte zwischen einem und zwei Zentimeter Länge produzierte. Da wurden übrigens alle gleich behandelt, auch unsere Tochter Lisa kam unters Messer, Hashtag gelebte Emanzipation.

Wenn wir uns Bilder von damals mit Freunden ansehen, hören wir kurioserweise häufig: „Das sind aber niedliche Kinder!“ Vielleicht schleimen die bloß und halten uns in Wahrheit für Rabeneltern, weil wir nicht nur die Persönlichkeitsrechte beschnitten haben. Das halten wir aus.

Falls es interessiert: Einer unserer Söhne hat immer noch sehr kurzes Haar, die beiden anderen mittellang. Die längsten hat – klassisch – unsere Tochter. Ist ihr freier Wille. Jetzt.

Wie bei Linus übrigens. Als ich ihn nach dem Warum fragte, antwortete er: „Hat mich gestört, Opa.“ Was denn? „Die Haare hingen immer vor den Augen.“ Ich bin sehr stolz auf ihn. Denn da ist er ganz allein drauf gekommen.