Papas & Opas

Acht kleine Rüssel und ein Papa, der stinkt

Was sich bei den Wildschweinen abspielt, ist eine echte Sauerei, findet Linus. Zu viele Geschwister sind eben auch nicht gut.

Dietmar Wenck

Dietmar Wenck

Foto: BM

Manchmal kommen Opa im Bett richtig gute Ideen. Zum Beispiel neulich, als Linus hellwach und quietschvergnügt kurz nach 7 Uhr ins Schlafzimmer gestürmt kam und fragte: „Ist das Schwein hier?“ Keine Sorge, er meinte nicht mich, sondern das rosa Plüschtier von Ikea, das mir Oma vor Kurzem geschenkt hat und das seitdem zwischen den Schlafstätten von Opa und Linus hin- und herzieht. Gezogen wird. Je nachdem ob unser Enkel gerade zu Besuch ist.

„Ja, ist hier“, sagte ich schlaftrunken und reckte das Kuschelschwein einigermaßen missmutig in die Höhe. „Oh, wie niedlich“, wisperte Linus und drückte das rosa Teil an sich, als hätte er nach langer Trennung seine Sandkastenliebe wiedergetroffen. „Okay“, gab ich zu, „ist süß. Aber was hältst du davon, wenn wir uns nachher, also wenn wir erst mal aufgewacht sind, geduscht und gefrühstückt haben, noch niedlichere Schweine anschauen? Lebendige? Babys?“

„Wiiirklich?“ So antwortet Linus gern, wenn ihm etwas befremdlich vorkommt und er zugleich neugierig ist. „Wiiirklich?“ Er ist ja ein großer Junge von fünf Jahren und hat längst mitbekommen, dass etwa Vögel („Küken“) oder Schafe („Lämmer“) ihre Jungen im Frühling bekommen, wenn es warm wird und sie nicht so frieren müssen. Sinnvolle Einrichtung der Natur. Ein Blick nach draußen beweist allerdings: Jetzt ist kein Frühling. Warm schon gar nicht.

Ist egal: Nun will Linus die Kleinen sehen. Auf der Autofahrt lernt er auf die Schnelle drei wichtige neue Begriffe – Frischlinge, Bache, Keiler. Ich gebe zu, dass ich mich mit meiner Ankündigung im Halbschlaf ganz schön weit aus dem Schlafzimmerfenster gelehnt habe. Doch zum Glück ist auf die Tierwelt Verlass. Das sind echt Schweine, die schert kein Winter. Als wir am Gehege im Tegeler Forst ankommen, schnüffeln uns acht kleine Rüssel entgegen.

Ganz schwarz sind sie, weil die kleinen Wildschweine pausenlos ihre Nasen in den Waldboden stecken, wo sie Wurzeln oder kleines Getier vermuten. Vielleicht haben sie jetzt die Birnen gewittert, die Opa in der Jackentasche aus der Küche herausgeschmuggelt hat. Deshalb starren sie uns erwartungsfroh an. Dabei fressen sie so etwas noch gar nicht, sie sind ja höchstens zwei, drei Wochen alt.

Die würde man wirklich am liebsten auf den Arm nehmen, so goldig sind sie. Oder mit nach Hause. „Wiiirklich?“ Geht natürlich nicht, nicht mal eine kurze Berührung durch den Zaun ist drin. Wegen der Schweinepest wurde eine Extra-Abgrenzung aufgebaut. Außerdem haben sie sowieso gerade keine Zeit, die Bache hat sich eben auf die Seite fallen lassen. Linus wirkt erschrocken, als er die folgende Sauerei mit ansehen muss.

Sofort schießt die achtköpfige Kinderschar auf das arme Muttertier zu und reißt an den Zitzen herum, dass es schon beim Hinschauen wehtut. Linus staunt, als zwei der Frischlinge auch noch gnadenlos auf ihren Geschwistern herumtrampeln, mit denen sie eben so fröhlich gespielt hatten. Nur um eine bessere Saugstelle zu ergattern. „Na“, frage ich ihn: „Möchtest du auch gern sieben Geschwister haben? Dann hast du immer Spielkameraden!“ Entrüstet blickt mich mein Enkel an: „Nein, Opa!“ Guter Junge, sicher denkt er dabei an seine arme Mutter.

Einen Keiler gibt es übrigens auch. Der übergewichtige Kerl kommt behäbig näher, als Opa die Birnen klein schneidet und über den Zaun wirft. Alle eilen ehrfürchtig zur Seite, er ist hier der Platzhirsch, sozusagen. Nur ein paar Schritte ist er noch vom Zaun entfernt. Linus weicht kichernd zurück. „Opa“, flüstert er mir zu, „der stinkt, puh!“ Da hat er recht. Der Kerl ist halt ein Schwein.

Linus hat nun kein rechtes Interesse mehr an dieser merkwürdigen Familie und wendet sich gemeinsam mit Oma einer kleinen Stocksammlung zu. Später werden beide daraus ein Kunstwerk produzieren, das jetzt bei uns im Flur hängt. Bildschön! Opa dagegen bastelt schon an einer anderen Idee. Im Tierpark wird heute Berlins neuer Liebling vorgestellt. Die kleine Eisbärin. Ein Einzelkind.