Papas & Opas

Man kann sich auch als Senftube verkleiden

Karneval ist die Zeit, in der Einhörner durch die Wohnung traben und alle über Indianerkostüme streiten, beobachtet Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar/pa

Berlin. In dieser Woche war ich krank. Die meiste Zeit lag ich mit unruhigen Fieberträumen im Bett, zwischendurch wankte ich durch die Wohnung, um mir ein Glas Wasser zu holen. Irgendwann sah ich im Wohnzimmer ein Einhorn grasen. Ich dachte mir nichts weiter dabei und ging wieder ins Bett. Als ich aufwachte, saß das Einhorn neben mir und nagte an einer Möhre.

- „Okay, was soll das sein?“, fragte ich.

- „Mein Faschingskostüm. Super, oder?“, sagte meine Tochter.

- „Ich muss jetzt weiterschlafen.“

- „Gut. Ich passe auf dich auf.“

- „Danke.“

Ich schlief wieder ein. Ich träumte von einem Gemeindesaal in der Oberpfalz, wo ich vor Jahrzehnten selbst einmal Fasching gefeiert hatte. Ich war als Cowboy gegangen. Mir war schlecht, weil ich gefühlte 500 Krapfen gegessen hatte, und außerdem hatte ich Brandblasen an den Fingerkuppen, weil wir die ganze Zeit mit Zehnpfennigstücken die Zündinseln auf den roten Munitionsbändern der Kinderpistolen aufrubbelten. Im Hintergrund lief „Skandal um Rosi“ von der Spider Murphy Gang.

Ich wachte wieder auf, das Einhorn war verschwunden. Auf der Bettwäsche fand ich überall Glitzerschminke. Fasching ist schrecklich, dachte ich. Ich griff zum Smartphone und las über zwei Kitas in Hamburg, die die Eltern aufgefordert hatten, ihre Kinder nicht als Indianer oder als Scheich verkleidet zum Fasching zu schicken. Ich suchte danach, ob sich irgendein Vertreter der indigenen Völker Amerikas jemals darüber beklagt hat, dass sich Kinder in Deutschland aus Spaß ein paar Federn auf den Kopf setzen. Ich fand nichts.

Auch über Beschwerden aus Dubai oder Abu Dhabi hinsichtlich der hiesigen Scheichkostümierungen ist nichts bekannt. Ich würde sogar die Vermutung wagen, dass es den Ölmillionären im Nahen Osten und den Vertretern der Indianerstämme in den USA schnurzpiepegal ist, was auf den Karnevalsveranstaltungen in deutschen Kindertagesstätten vor sich geht. Umgekehrt fand ich auch nach längerer Suche kein Indiz dafür, dass sich eine Faschingskostümierung negativ auf das Weltbild von Kindern auswirken kann. Deutschland scheint ein beneidenswert glückliches Land zu sein, dachte ich. Es hat offenbar so wenige Probleme, dass es sich selbst welche erfinden muss.

Es folgte dann die vorhersehbare Debatte, die sich in den sozialen Netzwerken schnell zur üblichen Wirtshausschlägerei auswuchs. Die einen verwiesen auf die Probleme kultureller Aneignung, die anderen beschwerten sich über Gesinnungsdiktatur und Gutmenschentum. Zur guten Tradition solcher Schreiereien gehört übrigens, dass irgendwann jemand kommt und sie für vollständig gegenstandslos erklärt. Das passiert immer, man kann die Uhr danach stellen.

Und so schrieb ein Kollege von mir, in der Kita seien die Indianer „längst ausgerottet“. Kein Kind würde sich schließlich mehr als Indianer verkleiden. Der Kollege wohnt in derselben Stadt wie ich, ich glaube sogar im Nachbarbezirk, aber offenbar in einer völlig anderen Welt. Meine Kinder gehen zwar nicht mehr in die Kita, sondern in die Schule, aber wenn ich ihnen glauben darf, war dort ein Großteil der Mitschüler zu Fasching im Indianerkostüm unterwegs.

Das würde mich wirklich einmal interessieren: Welche Kostüme sind derzeit die gefragtesten? Im vergangenen Jahr gingen meine Kinder noch als Räuber und Meerjungfrau. Dass in diesem Jahr das Einhorn sehr weit vorn liegt, scheint mir sicher zu sein. Aber was kommt danach? Der „Bild“-Zeitung entnahm ich, dass man sich sehr hübsch als Senftube verkleiden kann. Macht das wirklich jemand? Und geht noch irgendwer zu Fasching als Pilz? Ich finde die Vorstellung wunderbar, sich als Pilz zu verkleiden. Wenn ich mich überhaupt jemals wieder zu Fasching verkleide, dann als Pilz, dachte ich, und als ich das später zum Einhorn sagte, da sah es mich traurig an und sprach: „Du musst wirklich sehr krank sein, Papa.“

Mehr aus Papas & Opas:

Harry Potter schlägt jede Fisch-Geschichte

Mit der Dramaqueen zum Trampolinspringen

Eine Heavy-Metal-Karriere wäre nicht übel

Vom Nutzen und Nachteil der Seestern-Technik