Papas & Opas

Harry Potter schlägt jede Fisch-Geschichte

Während Opa die Lagerfeuerromantik genießt, hat Linus ganz andere Pläne: Er spielt am liebsten mit der Nachbarin.

Dietmar Wenck

Dietmar Wenck

Foto: BM

Jetzt, wo zaghaft der Frühling beginnt, kommen auch wieder die Tage, an denen Linus und ich gern auf der Terrasse sitzen und gemeinsam ins Lagerfeuer starren. Man kann dabei so herrlich seine Gedanken treiben lassen. Nach einer Weile wird es Linus trotzdem langweilig, vermutlich, weil keine Gedanken mehr nachwachsen wollen. Aber es ist so schön kuschelig. Für einen Moment kann ich ihn noch mit der Idee erwärmen, ihm eine Geschichte zu erzählen. „Eine mit Fischen?“, frage ich rhetorisch. „Ja“, haucht er. Die mag er nämlich, von Indianern und Rittern will er nichts hören. Spannende Kämpfe findet er blöd.

Nun hat der Fisch namens Linus gerade etwas Schönes erlebt und das kleine Abenteuer in seinem Teich gut überstanden. Zufrieden seufzt mein Enkel nach dem Happy End. Jetzt soll er mir aber auch mal etwas von sich erzählen. Deshalb will ich wissen, wovon er gerade so geträumt hat. Blöde Frage, Opa: „Weiß nicht.“ Was er sich denn vorstellen könnte, später mal zu werden. „Polizist.“ Auch Feuerwehrmann? „Nein. Nur Polizist.“ Ah, du möchtest bestimmt Menschen helfen. Wem denn besonders, Kindern, Frauen, Alten? „Allen.“ Super Einstellung. Und was wünscht er sich sonst? „Dass wir rübergehen und Sophia fragen, ob sie mit mir spielt.“

So viel zur Lagerfeuerromantik. Deshalb hat er schon die ganze Zeit den Hals gereckt und die Lage hinterm Gartenzaun gepeilt. Doch da bewegt sich nichts. Sophia ist die Tochter unserer Nachbarn – und Leser dieser Kolumne kennen sie seit Halloween. Linus findet sie sehr nett. Finden wir übrigens alle. Wir klingeln also. Und Sophia mag auch mit ihm spielen, es ist ja Freitag, sie hat keine Schularbeiten auf. Als erstes holt ihr Papa eine Decke und ein Indianerzelt heraus. Nur ihr Hund Bruno nervt ein wenig, weil er natürlich nicht versteht, warum plötzlich nicht er, sondern Linus Sophias Lieblingsspielpartner sein soll.

Danach studieren beide die Ameisen- und Regenwurmpopulationslage unter den Steinen in ihrem Garten. Sophia hat kein Problem damit, Regenwürmer anzufassen. Linus schon. „Schleimig“, sagt er und guckt lieber nur zu. Da mischt Opa sich ein: Wisst ihr, dass in unserer Komposttonne Tausende dieser Wesen der Gattung Lumbricus wohnen? Das kann unsere Nachbarin kaum glauben. Ihr Interesse ist geweckt, und sie würde jetzt gern auf unserer Seite des Gartenzauns weiterspielen.

Sophia ist begeistert von unserer Kompostfauna, doch als sie eine Weile eine Handvoll Regenwürmer in ihrer eigenen Hand beobachtet hat, wird das öde. Beide beschließen, drinnen weiterzumachen. Einzige Bedingung: Lumbricus muss draußen bleiben. „Soll ich dich wieder anmalen?“, fragt sie, und Linus willigt sofort ein. Offenbar ist sie öfter hier, als Opa weiß. Mit Buntstiften verpasst sie ihm eine blaue Nase und Herzen auf beiden Wangen. Dazu einen Bart und einen Blitz auf der Stirn, „wie bei Harry Potter“.

Sie kennt Teil eins und zwei der Literaturverfilmung. Bei sich selbst lässt sie Blitz und Bart weg. Dann flüstert ihr Linus was ins Ohr. Beide kichern, Sophia sagt: „Okay!“ Sie verziehen sich im Kinderzimmer. „Sie tauschen jetzt ihre Sachen aus“, klärt mich mein Sohn auf. Mein T-Shirt, dein T-Shirt, meine Hose, deine Hose. Das Ergebnis sieht ein bisschen drollig aus, denn Sophia ist eben schon größer als Linus, sie ist ja drei Jahre älter als er. Es passt aber gerade noch. Und weil sie sich anschließend Faschingskostüme darüber ziehen, fällt es gar nicht mehr auf. Linus ist Ritter, Sophia Prinzessin. Nur, dass keine Verdächtigungen aufkommen: Nicht von Opa vorgeschlagen, haben sie sich selbst ausgesucht. Ich bin sowieso jetzt raus aus dem Spiel. Ich bin Bruno.

Und beim nächsten Mal? Kommt sie dann vorher schon rüber und macht beim Lagerfeuer mit? Klare Absage: „Ich hasse Rauch.“ Vielleicht hat ihr aber auch Linus von meinen Fisch-Geschichten erzählt. Und die sind ja sowas von out, wenn man Harry Potter kennt.