Papas & Opas

Eine Heavy-Metal-Karriere wäre nicht übel

Linus singt sehr gern und sehr laut – jedenfalls, wenn die Klang-Bausteine aus ihm herausfallen.

Foto: Dietmar Wenck / BM

Wir Wencks sind keine musikalische Familie, jedenfalls opalicherseits. Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, ist das schon seit Generationen so. Niemand schmetterte kraftvoll Arien unter der Dusche. Niemand spielte romantisch Gitarre am Lagerfeuer. Wen wundert es da, dass unsere Kinder Fußball, Handball, Basketball spielen wollten? Oder turnen. Alle Versuche, sie auf klingende Geräte umzustimmen, endeten erfolglos. Wir bedauern das selbst sehr, aber wir Wencks haben von Tuten und Blasen leider keine Ahnung.

Nun lässt sich kaum vorhersagen, ob Linus in der Lage ist, hier eine Trendwende einzuleiten. Die Anfänge immerhin erscheinen uns vielversprechend. Unser Enkel singt sehr viel und gern. Auch laut.

Während wir noch am Frühstückstisch sitzen und er sich zum Spielen in eine andere Ecke des Wohnzimmers zurückgezogen hat, trompetet Linus mitten im Bau einer geheimnisvollen Lego-Burg plötzlich los: „Als ich ein Baby war, war ich noch klein.“ (Für Kinderlieder-Unkundige: Das ist ein in Kitas und auf langen Autofahrten recht beliebter Song von Rolf Zuckowski.) Dann passiert eine Weile gar nichts, geduldig bastelt Linus weiter. Wir setzen unsere Unterhaltung gerade vorsichtig fort, da funkt er erneut dazwischen: „Das soll bei Babys ja so üblich sein. Ich hatte nur drei Haare auf dem Kopf und rutschte durch die Wohnung auf nem Topf!“

Noch ist uns nicht ganz klar, was der Hintergrund dieser Unterbrechungen ist. Eine schöpferische Pause vielleicht? Oder will er nur, dass jetzt endlich einer aufsteht, sich zu ihm setzt und bei ihm mitspielt? Linus weist das auf Nachfrage zurück: „Ich überlege dann.“ Er ist zwar erstaunlich textsicher, nur noch nicht in den ganz großen Blöcken. Und eine billige Brücke zu bauen auf die „lalala“-Tour oder mit „hmhmhmhm“, so wie Opa in solchen Momenten sein Unwissen übertünchen würde, das ist klar unter seinem Niveau. Also wartet er ab, bis weitere Klang-Bausteine aus ihm herauspurzeln.

Beeindruckend, oder? Linus tanzt auch gern, und zwar ziemlich schwungvoll. Das könnte am südamerikanischen Temperament seiner Mutter liegen. Neulich hat er seinem Onkel an dessen Geburtstag am Telefon ein portugiesisches Lied vorgesungen. Der hat zwar nicht jedes Wort verstanden, eigentlich gar keins, war aber sehr gerührt.

Das spornt an. Um zu beweisen, dass Opa auch nicht komplett talentfrei ist, krame ich in meinem tiefsten Liedgut und stimme als erstes „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum“ an, worauf er sofort antwortet: „Wie grün sind deine Blätter.“ Okay, zu einfach, nimm dies: „Mein Hut, der hat drei Ecken“, ungerührt kommt zurück: „Drei Ecken hat mein Hut!“ Kennt er auch schon. Jetzt aber, letzter Versuch: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad“, da stimmt er gleich ein: „Und mein Opa auf dem Fahrrad hinterher.“ Ich stutze, der Vater von Linus, mein Sohn, grinst sich eins. Da ist mir einer zuvorgekommen. Singen können wir vielleicht nicht so gut, aber Quatsch.

Wohin das einmal führen mag? Opa hätte nichts gegen eine Heavy-Metal-Karriere einzuwenden. Oma möchte lieber was Melodisches. Hauptsache, es wird kein Rapper aus Linus, man sieht ja gerade bei Bushido, wohin das führen kann. Ja, ja, ich weiß, der Junge sollte nicht gleich einem solchen Druck ausgesetzt werden. Wir lassen ihn gewähren, ehrlich. Er soll selbst entscheiden.

Dummerweise entscheidet er manchmal, dass jetzt alle gemeinsam singen. Das spricht nicht für seinen Musikgeschmack, er müsste doch hören, dass es gruselig klingt, wenn Oma und Opa ihre Stimme erheben. Aber bitte, da es gewünscht wird, bei „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ sind wir dabei. Solange kein anderer zuhört. Linus dagegen hat nichts gegen Publikum. Schon toll, wie selbstbewusst er ist. Trotzdem: Bis zum ersten Familienkonzert üben wir erst mal noch ein bisschen.

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