Papas & Opas

Vom Nutzen und Nachteil der Seestern-Technik

Lernen im Schlaf: ein Traum ganzer Schülergenerationen. Meine Tochter zeigte im Skiurlaub, wie es funktioniert.

Foto: pa/Montage BM

In den letzten Wochen ist wahnsinnig viel übers Aufräumen geschrieben worden und über die Philosophie, sich lieber mit wenigen schönen Dingen zu umgeben als mit vielen nicht so schönen. Aus eigener, ganz frischer Erfahrung kann ich sagen: Wer nach wenigen Gegenständen in seinem Leben strebt, sollte sich einen Skiurlaub aus dem Kopf schlagen.

Noch bevor sie überhaupt zum Lift aufbricht, muss eine Durchschnittsfamilie wie meine (Mutter, Vater, zwei Kinder) das folgende Zeug beisammenhaben: Acht Skistöcke, acht monströs klobige Skischuhe, acht Skier, vier Skipässe, acht Handschuhe, vier Helme, vier Skibrillen und natürlich noch die ganzen Klamotten. Was davon, liebe Marie Kondo, soll ich nun wegtun, um mehr „Joy“ in mein Leben zu holen?

Wir sind in den Harz gefahren, da gibt es ein kleines Skigebiet. Man muss an Ortschaften wie Elend und Sorge vorbei, um schließlich zum sogenannten Wurmberg zu kommen. Irgendjemand muss sich all diese Namen mal ausgedacht und einen Riesenspaß dabei gehabt haben. Ich wollte mich erst neben das Ortsschild von Elend stellen und ein Bild davon machen, aber dann dachte ich, dass die Leute in Elend wahrscheinlich dauernd Touristen dabei beobachten müssen, die genau das tun, da ließ ich es dann bleiben.

Ein Doppelbett und ein Etagenbett sollten reichen

Es ging weiter zum Wurmberg, wo wir ein Zimmer in einer Herberge direkt an der Piste bezogen. Ein Doppel- und ein Etagenbett, für drei Nächte würde es reichen.

- „Tochter?“

- „Ja, Papa?“

- „Du schläfst da oben im Etagenbett.“

- „Du siehst aber schon, wie schlecht das gesichert ist, oder? Wenn ich da nachts rausknalle und mir alle Knochen breche, bist du schuld.“

- „Hrmpf. Okay, du schläfst unten bei uns.“

- „Hurra!“

- „Ja genau. Hurra.“

Nun irrt, wer glaubt, dass für den zierlichen Körper einer Achtjährigen in einem zwei Meter breiten Doppelbett zwischen zwei Erwachsenen ausreichend Platz sei. Das gilt vielleicht in der Theorie. In der Praxis verwendet meine Tochter, sobald sie einmal eingeschlafen ist, die sogenannte Drehender-Seestern-Technik, die darin besteht, Arme und Beine möglichst weit vom Körper wegzustrecken und dann im Uhrzeigersinn zu rotieren.

Zehn Minuten Arbeit für eine Minute Spaß

Warum sie das macht und wie zum Teufel man auf diese Weise überhaupt schlafen kann: diese Fragen stelle ich mir schon längst nicht mehr. Nach zwei sauberen Fußtritten in mein Gesicht wechselte ich nachts um drei ins obere Etagenbett. Dabei knarrte die hölzerne Treppe ein wenig, woraufhin die Tochter aufwachte und mir sagte, ich solle doch mitten in der Nacht nicht immer diesen Höllenlärm machen, sie versuche zu schlafen. Ich war kurz davor, die Fassung zu verlieren, musste dann aber lachen.

Beim Skifahren am nächsten Tag entdeckte ich folgende Faustregel: Mit Kindern muss man ungefähr zehn Minuten investieren, um eine Minute Spaß auf der Piste zu haben. Kleider sortieren, runtergefallene Skistöcke aufheben, am Lift anstehen, Skipässe zurechtrücken, erneut runtergefallene Skistöcke aufheben, in die Bindung helfen, losfahren, unten ankommen und wieder von vorn. Das ist aber nicht schlimm, weil diese eine Minute wirklich bezaubernd ist. Der Sohn ist schon ziemlich gut, den können wir bald allein fahren lassen.

Das Wunder in diesem Urlaub bestand darin, dass es bei der Tochter plötzlich funktioniert. In den vergangenen Jahren hatte sie immer wieder frustriert aufgegeben, jetzt fährt sie sogar schwarze Pisten herunter. Auch hier kommt die Seestern-Technik zum Einsatz. Die Arme streckt sie hoch in die Luft, als wäre sie eine kleine Evita beim Singen von „Don’t Cry For Me, Argentina“. Die Beine hält sie weit auseinander, um mittels Schneepflug abzubremsen. Ich sah ihr dabei zu und freute mich wahnsinnig. Dann fiel mir auf: Sie trainiert das nachts, während sie schläft.

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