Papas & Opas

Was Opa im Supermarkt und früher im Erziehungsurlaub erlebte

Redakteur Dietmar Wenck war mit seinem Enkel im Supermarkt unterwegs - Missverständnisse blieben nicht aus. Das kam ihm bekannt vor.

Dietmar Wenck

Dietmar Wenck

Foto: Dietmar Wenck / BM

Berlin. Wir sind im Supermarkt und suchen gemeinsam Obst aus, Linus thront im Einkaufswagen. Mein Enkel schäkert mit mir herum. Das bleibt nicht unbemerkt, die ersten Leute schauen zu uns rüber. Nach einer Weile kommt es mir fast vor, als würden wir von allen Seiten taxiert. Nach dem Motto: Ob das wohl der Vater von dem süßen Kleinen ist, so gut, wie die beiden sich verstehen? Soooo alt ist der Zausel ja noch gar nicht. Jedenfalls nicht so alt wie Jack White. Oder Urvater Abraham. Was die können ...

Gerade fange ich an, mich in dieser unklaren Situation ein bisschen wohlzufühlen. Da blickt Linus strahlend zu mir hoch und beendet das kleine Missverständnis, unverblümt, wie nur Kinder das hinkriegen: „Wenn ich groß bin, möchte ich auch mal ein dicker, alter Opa sein.“ Lächelnde Gesichter überall und der geerdete Großvater mittendrin. Alter Knabe: Ich muss selbst lachen. Und erst mal abnehmen.

Missverständnisse kommen immer wieder mal vor

Drollige Erlebnisse bis hin zu Missverständnissen mit kleinen Kindern hatte ich schon öfter. Vor allem früher, als ich noch väterlich mit ihnen unterwegs war. Wenn ich zum Beispiel unter der Woche vormittags unseren erstgeborenen Sohn Lasse im Buggy kreuz und quer durch den Tegeler Forst schob. Dort begegneten mir vorzugsweise: Frauen, die das Gleiche mit ihrem Kind taten. Oder ältere Ehepaare mit Hunden.

Viele beäugten mich skeptisch, verkniffen sich aber lieber Kommentare. Bis einmal eine Dame allen Mut zusammennahm. „Sie haben ja einen niedlichen Sohn“, begann sie, um gleich zum Kern ihrer Neugier vorzustoßen: „Ist denn Ihre Frau krank?“ Sehr sachlich antwortete ich: „Wollen wir mal nicht hoffen, irgendjemand muss schließlich das Geld verdienen.“ Damals war das innere Lachen auf meiner Seite.

Damals, das war Anfang der 90er-Jahre, als der US-Präsident noch George Bush (senior!) hieß und die Elternzeit Erziehungsurlaub. Meine Frau und ich hatten verabredet, uns abwechselnd viel Zeit für unsere zukünftigen Kinder zu nehmen. Als es so weit war, musste ich also ran. Wickeln, füttern mit selbst gemachtem Gemüsebrei, Babyschwimmen, ins Bett bringen, das ganze Programm. Sogar in der PEKiP-Spielgruppe war ich am Start, als einziger Mann. Am liebsten gingen wir aber stundenlang spazieren. Alles zusammen machte mir: Spaß. Auch wenn Familie und Freunde es leicht irritiert aufnahmen. War mir egal. Ich wollte das.

Die Familie war immer wichtiger

Vorher stand allerdings ein Gespräch an. Als ich meinem Chef mitteilte, er müsse nun leider fast ein Jahr auf meine Mitarbeit verzichten, sagte er erst einmal gar nichts. Am nächsten Tag, nachdem er sich informiert hatte, meinte er: „Okay, geht klar. Es kann Ihnen nur passieren, dass Sie später als Kulturredakteur weiterbeschäftigt werden.“ Scharf war ich darauf nicht. Ballett hatte ich schon zu Hause genug. Sollte ich jetzt wirklich auf meinen geliebten Sport verzichten?

Zu meinem Glück war mir Karriere nie wichtiger als Familie, darum fiel die Entscheidung leicht. Sogar die Kultur durfte sich freuen: Ich bin ihr erspart geblieben. Mein Chef hat sich in der Hinsicht sehr positiv entwickelt. Als ich ihm kurz nach meiner Rückkehr an den Arbeitsplatz eröffnete, dass schon der nächste Nachwuchs im Anmarsch sei, meinte er trocken: „Na, dann schaue ich am besten jetzt schon mal nach Ersatz für Sie, oder?“ Recht hatte er. Und ich weitere zehn wunderschöne Monate.

So war das früher. Mittlerweile sind Männer, die für eine Weile zu Hause bei ihrem Kind bleiben, keine Exoten mehr. Oder sie übernehmen zumindest viel mehr Verantwortung im Alltag als ihre Vorväter. Mein Sohn bringt Linus in den Kindergarten, er macht ihm was zu essen, Ausflüge, und die beiden können stundenlang zusammen spielen.

Wenn ich das beobachte, bilde ich mir ein, dass meine Erziehungsurlaube nicht nur mir ganz viel Spaß gemacht haben. Hoffentlich ist das jetzt mal kein Missverständnis.

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