Papas & Opas

Momo ist nicht mehr das, was sie mal war

Wenn Kinder online sind, geht es nicht nur um geraubte Zeit, sondern auch um gestohlene Adressen.

Felix Müller / Kolumne

Felix Müller / Kolumne

Foto: Reto Klar

Meine achtjährige Tochter sagte, sie habe manchmal Alpträume. Besorgt fragte ich sie, worum es dabei gehe. Sie sagte: um Momo.

Das fand ich erstaunlich. Zu Momo fiel mir nur die Figur aus dem gleichnamigen Roman von Michael Ende ein. Ein kleines Mädchen mit pechschwarzem Lockenkopf, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbringt, indem sie mit Unterstützung einer Schildkröte gegen die Zeitdiebe kämpft. Vor Momo muss man doch keine Angst haben, dachte ich, eher vor den grauen Herren, die den Menschen ihre Stundenblumen aus den Herzen reißen und sie dann als Zigarren rauchen. Also fragte ich: „Die aus dem Roman?“

„Hä? Nein. Google sie mal, aber nicht jetzt, ich will sie nicht sehen.“

Also wartete ich, bis sie ins Bett gegangen war. Auf meinem Handy erschien eine Fratze mit riesigen Augen, hohlen Wangen und breitem, verzerrtem Mund. Eine Art Horrorskulptur. Ich erfuhr, dass es „Momo-Challenge“ gibt, die darin besteht, dass man im Messengerdienst Whatsapp Nachrichtenanfragen von Momo annimmt und sich dann von ihr irgendwelche Aufgaben stellen lässt. Manchmal kapert Momo das Adressbuch der Teilnehmer und droht damit, den Freunden peinliche Dinge über sie mitzuteilen. Eine nicht besonders seriös wirkende Website verbreitet die Nachricht, dass sich ein 14-jähriger Junge in Japan mit dem Gürtel seines Kimonos stranguliert habe, weil Momo das so wollte.

Auf Youtube kann man sich unzählige Videos ansehen, in denen junge Menschen nachts aufgeregt mit Momo chatten, aber nicht viel mehr von ihr geschickt bekommen als ein paar japanische Schriftzeichen und, wenn sie sich mit ihr zu telefonieren trauen, einige seltsame Quieklaute, die offenbar angsteinflößend gemeint sind – jedenfalls reagieren die Youtuber so, als sei ihnen gerade der Leibhaftige oder wenigstens die Mathelehrerin erschienen. Eines dieser Videos hatte meine Tochter offenbar gesehen. Dabei spricht vieles dafür, dass dahinter wieder nur eine dieser Aktionen steckt, die Journalisten gern als „Internet-Phänomen“ bezeichnen. Also möglichst effektvoll herausgepustete heiße Luft, die alle in riesige Aufregung versetzt, bevor das nächste Katzenvideo läuft.

Ich seufzte.

Kurz überlegte ich, wann mir eigentlich die Fähigkeit zum Gruseln abhanden gekommen war. Entsprechende Filme schaue ich mir schon seit Jahren nicht mehr an, weil sie mich langweilen. Das war einmal ganz anders. Ich erinnere mich, wie ich als Dreizehnjähriger mal in einer Videothek das Poster für den Film „The Fog – Nebel des Grauens“ sah. Darin geht es um Zombiepiraten, die, eingehüllt in eine Nebelwolke, eine Stadt überfallen. Der Grusel speist sich aus dem Aussehen dieser Kreaturen, es sind halt halbverweste Menschen, man sieht zerfetzte Gliedmaßen, Totenköpfe mit nur einem Auge drin, solche Sachen. Würde ich das heute sehen, würde mich daran höchstens interessieren, wie gut die Maske gearbeitet hat. Aber damals kostete es mich mehrere schlaflose Nächte, und wenn ich einschlief, tauchten die Zombies auch zuverlässig in meinen Träumen auf.

Zwischen dem Film und der Momo-Figur gibt es allerdings einen erheblichen Unterschied: Ich musste mich nicht mit den Zombiepiraten unterhalten. Sie hatten auch keinen Zugriff auf mein Adressbuch und haben das auch niemals behauptet. Und das macht mir an Momo dann doch wieder Angst: Dass die kindliche Freude am Grusel und an Mutproben verknüpft wird mit Angriffen auf die Privatsphäre oder Cyber-Mobbing, mit Datendiebstahl im Netz, mit all den unerfreulichen Dingen, die eben auch zu unserer fortschreitend digitalisierten Gegenwart gehören. Ich glaube, ich werde in Zukunft noch aufmerksamer darauf achten müssen, mit wem meine Tochter so zu tun hat, wenn sie online ist.

Mehr Kolumnen von Felix Müller:

Warum ein Bett benutzen, wenn es viele gibt?

In den Fängen des Schokoladenkartells

Was wäre ein Urlaub ohne Katastrophen?