Papas & Opas

Warum ein Bett benutzen, wenn es viele gibt?

Manche meiner Nächte fühlen sich an, als würde ich mit meiner Familie „Die Reise nach Jerusalem“ spielen.

Felix Müller

Felix Müller

Foto: Reto Klar

Wegen anhaltend guter Vorsätze für das neue Jahr habe ich diese Woche in einem sehr gesundheitsschonenden Rhythmus verbracht. Ich war um sieben, spätestens gegen halb acht zu Hause, wir aßen zusammen und gingen den kommenden Tag durch. Dann brachte ich die Kinder ins Bett und las ihnen noch „Kalle Blomquist“ vor. Spätestens um halb elf lag ich auch im Bett, las selbst noch ein bisschen, machte das Licht aus und drehte mich auf die Seite. Im Halbschlaf merkte ich noch, wie sich meine Frau neben mich legte. So weit, so gut. Eines Nachts aber geschahen merkwürdige Dinge.

Nach nur wenigen Stunden wachte ich auf, weil mich jemand getreten hatte. Oder war das im Traum gewesen? Ich schreckte jedenfalls hoch. Ein Blick auf das Handy: halb drei. Von meiner Frau keine Spur. Stattdessen lag nun meine achtjährige Tochter neben mir und schlief tief und fest, die Füße auf der Höhe meines Gesichts. Etwas desorientiert schwankte ich in Richtung Wohnzimmer. Beim Vorbeigehen am Kinderzimmer konnte ich erkennen, dass meine Frau nun im Doppelstockbett lag. Ich reimte es mir so zusammen: Irgendwann in der Nacht war die Tochter zu uns gekommen, und weil es deshalb zu eng geworden war, hatte meine Frau die Flucht ergriffen.

Meine Tochter zurück ins Bett zu tragen, würde nichts bringen

Unsere Tochter schläft gern bei uns, aber manchmal verdächtige ich sie der Schlafwandelei. Das würde mich nicht wundern, sie könnte es von mir geerbt haben. Als ich zwölf war, trat ich einmal in tiefster Nacht eine Wanderung von meinem Kinderzimmer in die Garage an. Es war im Dezember, vom Schnee merkte ich nichts. Wahrscheinlich bin ich damals nur deshalb nicht erfroren, weil sich jemand aus meiner Familie wunderte, wer denn bitte mitten in der Nacht das Garagentor öffnet. Noch heftiger kam es, als ich mit Mitte 20 einmal im Hochsommer schlafwandelte.

Ich wurde vom Zuknallen meiner Wohnungstür wach und stellte fest, dass ich vollständig nackt im Treppenhaus stand. Weil ich nicht nachts um drei unbekleidet an fremden Türen klingeln wollte, sprang ich aus dem Treppenhausfenster auf meinem Balkon und schlug dort mit einem Marmortisch die Glastür ein. Dabei verletzte ich mich am Finger. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah ich die blutigen Glassplitter im Zimmer herumliegen und dachte zuerst, ich sei versehentlich am Tatort eines Gewaltverbrechens eingeschlafen.

Das alles fiel mir wieder ein, als ich um halb drei in der Küche stand und ein Glas Wasser trank. Mir war klar: Es würde jetzt nichts bringen, meine Tochter wieder zurück in ihr Bett zu tragen. Das habe ich oft genug probiert, sie wacht dann sofort auf und wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, alle werden wach, und an Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Immer derselbe Alptraum

Ich legte mich also neben sie und schlief wieder ein. Aber wie das so ist mit dem Schlafen: Manchmal gelingt es und manchmal eben nicht. Mich suchte mein Standardalbtraum heim, in dem ich wieder 17 Jahre alt bin, kurz vor dem Abitur stehe und Panik habe, weil ich in Physik mit dem Lehrstoff hoffnungslos zurückliege.

Ich kann ihn aber auch nicht nachholen, weil das Klassenzimmer dauernd auf magische Weise seinen Standort wechselt, dichtes Schneetreiben im Schulgebäude herrscht, mich Mitschüler an Händen und Füßen fesseln und dergleichen bescheuerte Dinge mehr. Ich habe mir sagen lassen, dass es diesen Traum auch bei anderen Menschen in ähnlicher Form oft gibt, manche nennen ihn den „Kein-Abitur-Traum“, es ist immer dasselbe Schema. Bei mir endet er damit, dass ich vor der Prüfungskommission stehe, der vollbärtige Physiklehrer schaut mich mit seinem Röntgenblick an, und ich denke angsterfüllt: Jetzt ist es so weit, du bist geliefert.

Panisch schreckte ich hoch. Es war sechs Uhr. Von meiner Tochter keine Spur. Stattdessen schlief nun neben mir, tief und friedlich: mein Sohn.

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