Papas und Opas

So unterschiedlich reagieren Kinder auf den Weihnachtsmann

Was ist wohl wichtiger: eine Wunschliste von Linus oder beunruhigende Erkenntnisse der Psychologie?, fragt sich Dietmar Wenck.

Dietmar Wenck mit Enkel Linus

Dietmar Wenck mit Enkel Linus

Foto: Dietmar Wenck / BM

Als Oma und Opa noch junge Eltern waren, kam zu Heiligabend immer Werner, unser freundlicher Nachbar. Der war groß und hatte eine sonore Stimme, perfekt für seine Rolle. Bis unser ältester Sohn unvermittelt entdeckte: „Der Weihnachtsmann hatte ja die gleichen Stiefel wie Werner!“ Wir befürchteten, jetzt sei der kleine Schwindel für immer aufgeflogen. Doch als es zehn Minuten später erneut an der Tür klopfte, sagte ich: „Vielleicht hat der Weihnachtsmann was vergessen. Mach ihm mal die Tür auf!“ Kurz darauf kam unser Großer zurück. Ich fragte: „Und, war es der Weihnachtsmann?“ Antwort: „Nein, das war Werner.“ Frage: „Warum hast du ihn denn nicht reingelassen?“ Antwort: „Das hast du nicht gesagt!“ Na also, Geheimnis stabil. Nur Pech für Werner.

Auf jeden Fall hatte der Junge null Komma null Angst vor dem Mann mit dem langen Bart. Am liebsten hätte er ihm gleich in der Garderobe den Sack mit den Geschenken abgenommen und sich selbst ausgesucht, was ihm brauchbar schien. Ganz anders und sehr putzig verhielt sich sein jüngerer Bruder. Jemand muss ihm die Sache mit der Rute gesteckt haben, denn er vermied jedes Risiko, dem Weihnachtsmann zu nahe zu kommen. Wir ahnten ja nicht, wiiiiiie laaaaaang er seinen Arm machen konnte, die kurzen Beinchen wie bei einem Fechter dem Spagat nahe und den Blick fest auf den bärtigen Gast gerichtet. Mit jedem Geschenk aus dem Sack wich zum Glück die Anspannung. Am Ende war die Scheu verflogen. Das war lustig.

Kommt der Weihnachtsmann etwa für die Eltern?

Mit diesem Satz überführe ich mich gerade selbst. Heute muss ich mich fragen, ob unser Verhalten richtig war. Menschen, die viel klüger sind als ich und Dinge glasklar durchschauen, also Psychologen, erheben in dem Kontext schwere Vorwürfe. Sie behaupten, in Wahrheit komme der Weihnachtsmann gar nicht für die Kinder, sondern damit die Eltern was zu lachen haben. Könnte sogar was dran sein. Aber hatten die Kinder nicht auch ihren Spaß? Also gut, in enger Abstimmung mit seinen Eltern werden wir Linus verschonen. Obwohl er uns erst neulich mitgeteilt hat, dass er den alten Knaben gern mal persönlich kennenlernen würde. In unserem Wohnzimmer wäre okay.

Daraus wird nun nichts. Denn die klugen Menschen haben noch etwas viel Schlimmeres herausanalysiert: Traumatisierte Kinder, die mit Weihnachtsmännern aufgezogen wurden, können durch das schlechte Vorbild der Eltern später zu notorischen Lügnern werden. Das wirft plötzlich ein ganz neues Licht auf die armen Manager in der Diesel­affäre, Uwe Barschels Ehrenwort oder den Steuerbetrug von Uli Hoeneß. Ist alles nicht ihre Schuld, sondern sicher auf das Fehlverhalten ihrer Eltern in der Weihnachtszeit zurückzuführen. Haben wir es nicht immer gewusst? In Deutschland laufen zu viele Weihnachtsmänner rum. Damit muss Schluss sein.

Linus liebt das ganze Wunder Weihnachten

Andererseits hat Linus so eine niedliche Liste gemalt, in der er seine Wünsche zum Fest äußert. Ich verrate nicht, was drinsteht. Es ist ja nicht für die Öffentlichkeit, sondern für einen gewissen alten Herrn mit Rauschebart. Linus liebt nämlich das ganze Wunder Weihnachten. Schon am ersten Advent fragte er, wo unser Baum sei, bewunderte Omas selbst gebastelte Kränze, die Sterne vor den Fenstern und das Engelorchester auf der Kommode. Ein bisschen schade ist, dass in unserem Vorgarten kein erleuchtetes Rentier lebt. Bis jetzt. Er lässt sich noch öfter als sonst „Weihnachten in Bullerbü“ vorlesen und freut sich auf die Pute mit Pilzen, den Gang in die Kirche und natürlich: auf die Geschenke! Was also tun? Ignorieren wir den Brief an den Weihnachtsmann und kaufen das Gegenteil ein, quasi als Beweis, dass es ihn gar nicht gibt? Damit Linus ein Weihnachtslicht aufgeht?

Kommt nicht infrage. Wenn er ihn schon nicht sehen soll, bringt der Weihnachtsmann eben die Geschenke, solange wir in der Kirche sind. Opa übernimmt für alle Risiken und Nebenwirkungen die volle Verantwortung.

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