Papas & Opas

In den Fängen des Schokoladenkartells

Die Vorweihnachtszeit dient der heiteren Besinnung? Für seine Kinder ist das ein völlig absurder Gedanke, sagt Felix Müller.

Felix Müller hat einen Sohn und eine Tochter

Felix Müller hat einen Sohn und eine Tochter

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Wenn ich meine Tochter morgens zur Schule gebracht habe, mache ich immer in einem Café Station, das auf dem Weg zur Tramhaltestelle liegt. Es ist dann so ungefähr zehn vor acht Uhr morgens, ich trinke einen Cappuccino und blättere die Tageszeitung durch, die dort ausliegt.

Es sei denn, der ältere Herr war schneller.

Der ältere Herr erreicht das Café auch immer um zehn vor acht. Er hat dasselbe vor wie ich: Er möchte kurz etwas trinken und dabei lesen. Es gibt aber nur eine Zeitung, deshalb entscheidet sich jeden Morgen neu, wer sie bekommt. Und wer nicht. Es gab eine Zeit, da haben wir uns bittere Blicke zugeworfen und uns kopfschüttelnd über unsere Tassen gebeugt, wenn der jeweils andere schneller war.

Bis ich eines Tages zuerst da war und auf die Idee kam, die Zeitung etwas schneller durchzublättern und sie dann dem Mann an den Platz zu bringen. Er war überrascht, aber seitdem tut er dasselbe, wir grüßen uns auch jedesmal freundlich. Ein bisschen mehr Wärme ist in die Welt gekommen, und das nur durch guten Willen und auch noch im Advent, so einfach ist das und so schön.

Zu Hause dagegen herrscht Krieg.

Kürzlich waren wir mit der Siebenjährigen allein, der Zehnjährige war mit einem Freund unterwegs. Die Siebenjährige bekam urplötzlich einen Schreianfall. Ihren sich überschlagenden Ausführungen konnten wir entnehmen, dass ihr Adventskalender offenbar verschwunden war. Es ist ein sogenannter Lol Surprise Adventskalender, er enthält vollkommen überflüssiges Spielzeug. Sie behauptete, ihr Bruder hätte ihn versteckt.

„Das kann nicht sein.“

„Doch. Ich weiß es genau!“

„Aber warum sollte der das tun?“

„Frag ihn!“

Wir riefen den Vater des Freundes an und ließen uns verbinden. Mit dem Ton einer Großinquisitorin fragte die Tochter, ob er ihren Adventskalender versteckt habe. „Ja“, sagte er vollkommen entspannt. Und dann: „Ich muss jetzt auflegen.“

Solche merkwürdigen Dinge passieren dauernd seit dem 1. Dezember. Es gibt vier Adventskalender in der Familie. Die Kinder haben irgendwelche Superspezialteile (wo auch immer die hergekommen sein mögen), die sie sich dauernd gegenseitig verstecken. Bei den Kalendern von meiner Frau und mir ist jeden Tag das gleiche Stück Schokolade drin. Wenn denn überhaupt etwas drin ist. Meistens hat irgendjemand den aktuellen Tag schon geplündert.

„Sohn?“

„Ja, Papa?“

„Ich wollte gerade mein Kalendertürchen öffnen ...“

„Ah.“

„Und da war nichts drin.“

„Oh?“

„Ja. Hast du eine Erklärung dafür?“
„Nein. Aber ein sehr interessanter Fall. Ich könnte dir bei der Aufklärung behilflich sein.“

„Sind wir hier im Detektivroman?“

„Mein Honorar ist okay. Ich nehme nur ein Stück Schokolade.“

Die Frage ist jetzt, wem ich überhaupt noch trauen kann. Ich schreibe diese Kolumne am 14. Dezember, habe aus meinem Kalender aber bislang allerhöchstens fünf Stücke Schokolade bekommen. Der Rest ist in ominösen Kanälen verschwunden. Befrage ich dazu meinen Sohn, fängt er mit dieser Sherlock-Holmes-Nummer an oder erklärt, in der Wohnung seien irgendwelche Nager unterwegs.

Wende ich mich meiner Tochter zu, weist sie alles von sich. Erzähle ich dann meiner Frau davon, nickt sie mitfühlend, weist auf die Kinder und zuckt mit den Schultern. Was hat sie mit der ganzen Sache zu tun? Je weiter der Dezember voranschreitet, desto stärker glaube ich, das Opfer organisierten Schokoladendiebstahls zu sein. Wer sind die Hintermänner? Gibt es geheime Schokoladendepots in der Wohnung? Ich werde weiter ermitteln.

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