Papas & Opas

Heimliche Blicke und sinkende Testosteronwerte

Warum verhält sich der Opa heute anders als früher der Papa? Ein Erklärungsversuch in verschiedenen Variationen.

Dietmar Wenck

Dietmar Wenck

Foto: Dietmar Wenck / BM

Mein jüngster Sohn Bosse hat kürzlich ein paar ziemlich ernste Worte mit Linus gesprochen. Wir hämmerten und schraubten gerade zu dritt ein Vogelfutterhaus zusammen. Linus hatte ein bisschen schlechte Laune, weil ich nicht machte, was er wollte. Doch noch bevor ich mein krasses Fehlverhalten korrigieren konnte, schaltete sich der große Onkel ein. Er solle sich mal nicht beschweren, sagte er in strengem Ton zu meinem Enkel: „Ich hatte keinen Opa, der mit mir ein Vogelhaus gebaut, der mich andauernd mit Eis verwöhnt hat und der immer Zeit für mich hatte.“ Rumms!

Nein, so einen Opa hatte er nicht. Aber spürte ich deshalb so ein merkwürdiges Unbehagen? Oder hörte ich da noch etwas anderes heraus, nämlich: Er hatte auch keinen so nachgiebigen Papa, der immer Zeit und alles mitgemacht hat? Nicht nur Linus schaute bedröppelt aus der Wäsche. Später haben wir darüber geredet, Vater und Sohn. Zu meiner Erleichterung sagte er: „Ist schon gut, Papa, mach dir keine Sorgen.“

Trotzdem geht mir die Geschichte nicht aus dem Kopf. Es ist ja wahr. Auch mir sind gewisse Veränderungen an mir aufgefallen, seit Linus da ist. Ich bin zwar Opa, aber noch nicht völlig gaga, liebe Kinder. Glaubt ihr etwa, dass mir diese heimlichen Blicke entgehen, die ihr euch zuwerft, wenn ich ihm wieder mal etwas habe durchgehen lassen? Ohne dass er ausgesprochen werden muss, dröhnt sofort euer Vorwurf in meinen Ohren: „Das hätten wir mal machen sollen.“ Stimmt, vermutlich hätte es eine Ansage gegeben. Ja, ja, sie meinen, ich war ein strenger Vater. Ich nenne es lieber konsequent. Wie auch immer, Konsens ist, dass ich mich in dem Punkt – bis auf seltene Rückfälle – entwickelt habe. Allerdings, ohne es selbst zu forcieren. Es kam einfach so.

Nehmen wir ein Beispiel. Früher waren wir eine strukturierte Familie. Bei vier Kindern lag diese Organisationsform nahe, um den Alltag im Griff zu behalten. Da hatte jeder seinen festen Platz am Esstisch. Heute haben wir einen knapp fünfjährigen Platzanweiser. Mal muss Tante Lisa neben ihm sitzen, mal Oma, auf der anderen Seite fast immer Mama oder Papa. Sonst drohen Tränen, da rotiert der Rest lieber. Ich finde das schon deshalb irgendwie doof, weil ich am Ende der Rotation so gut wie nie neben Linus Platz nehmen darf. Im Gegenteil: Ich werde regelrecht sitzengelassen. Aber das ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall nehme ich derlei Frühsport vor dem Frühstück inzwischen als normal hin.

Zum Glück steht mir Oma in solchen Momenten, wo mir meine eigene Metamorphose schleierhaft erscheint, immer erklärend zur Seite. Sie argumentiert, dass wir jetzt so vieles mitmachen, liege daran, dass wir ja nicht mehr bestimmen dürfen. Linus ist eben nicht unser Kind, sondern unser Enkelkind. Da hat sie total recht. Das mit dem Erziehen ist nicht unsere Aufgabe, und seine Eltern machen einen großartigen, liebevollen Job. Hinzu kommt die leise Sorge, die jungen Leute könnten nicht so bald wiederkommen, wenn Opa auf Papa mimt. Ein Monat ohne Linus? Dann halte ich lieber die Klappe.

Und schließlich ist da die Sache mit der Altersmilde. Sie wissen bestimmt, was dahintersteckt? Ich hatte wie üblich keine Ahnung und musste erst mal recherchieren, was Oma damit meint. Den ganzen Kram von sinkenden Testosteronwerten lasse ich jetzt mal lieber weg. Ist mir zu peinlich, und nachher stimmt das womöglich noch. Aber dass Menschen im Alter eine „gelassene, entspannte Haltung gegenüber Regelbrüchen“ entwickeln, leuchtet mir ein. Es hat auch was Sanftes, Beruhigendes. Offen gestanden, gefalle ich mir selbst so viel besser und will gar kein streitsüchtiger, rechthaberischer Altrocker sein.

Nur eines finde ich sehr ungerecht: dass von dieser positiven charakterlichen Entwicklung nur Linus profitieren soll. Deshalb kaufe ich neuerdings selbst dann Eis, wenn er gar nicht da ist. Bosse liebt nämlich auch Eis.

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