Papas & Opas

Ein ganz großer Vogel ist im Anflug

Ein welthistorisch bedeutsames Ereignis stehe bevor, sagt meine Tochter. Sie meint ihren Geburtstag.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Heute ist der 1. Dezember. Für meine siebenjährige Tochter ist das eine sehr gute Nachricht, denn in diesem Monat hat sie Geburtstag. Seit Wochen duldet sie bei uns zu Hause kein anderes Gesprächsthema. Im Oktober präsentierte sie mir das Foto eines riesigen Kuscheltiers mit tellergroßen Augen.

- „Oh Gott, was ist denn das?“

- „Das ist ein Glubschi!“

- „Warum heißt das Glubschi?“

- „Na wegen der Augen!“

- „Das ist aber kein besonders netter Name.“

- „Mir egal! Krieg ich Glubschi zum Geburtstag?“

- „Auf gar keinen Fall.“

Es folgte das übliche Drama. Ich sagte, dass Spielzeug nicht die Größe eines Kühlschranks haben müsse. Sie sagte, das sei gemein und ich würde immer nur nett zu ihrem Bruder sein und zu ihr nie. Ich erinnerte sie dann an verschiedene Nettigkeiten, die sie aber allesamt für wertlos erklärte. Mit bebender Unterlippe verließ sie den Raum. Hätte unser Wohnzimmer eine Tür, sie hätte sie bestimmt sehr effektvoll zugeknallt.

Ihr schwebt auch eine bestimmte Dramaturgie für ihren Geburtstag vor. Meine Frau erzählte mir letztens davon, als die Tochter schon zur Schule gegangen war.

- „Sie will einen Geschenkeberg.“

- „Einen was?“

- „Einen Geschenkeberg. Der soll mit einem Tuch zugedeckt werden. Sie will morgens aufstehen und den Geschenkeberg betrachten. Dann will sie zur Schule gehen. In dieser Zeit soll der Geschenkeberg durch die Verwandtschaft vergrößert werden. Nach der Schule will sie ihn dann abermals betrachten und sich dann hineinwerfen, ungefähr so wie Dagobert Duck in seine Taler.“

- „Aha. Und woher kommt dieser Geschenkeberg?“

- „Ich habe keine Ahnung.“

Es gibt hier möglicherweise ein paar überhöhte Erwartungen. Unsere Tochter kam eine Woche vor Weihnachten auf die Welt und muss seitdem damit leben, dass ihr Geburtstag im vollen Vorweihnachtsstress gefeiert wird. Sie kämpft dagegen an, indem sie ihn regelmäßig vorab zum größten und wichtigsten Ereignis der Menschheitsgeschichte erklärt. Da ist die Enttäuschungsgefahr natürlich groß.

Wenigstens hat sie wie durch ein Wunder ihren Wunsch nach dem Ungetüm von Kuscheltier gestrichen. Von Glubschi ist schon seit längerer Zeit keine Rede mehr. Stattdessen steht jetzt ein Hatchimal ganz oben auf der Liste. Bis vor Kurzem hatte ich gar keine Ahnung, was ein Hatchimal überhaupt ist. „Das ist so eine Art Tamagotchi“, sagte meine Frau nur. Dann fand ich im Netz ein Video zum Thema. Es handelt sich um ein Ei, vielleicht so 30 Zentimeter hoch. Durch die Eierschale leuchten die Augen des Vogels, der sich im Innern befindet und Hatchimal heißt. Irgendwann schlüpft dieser Vogel aus dem Ei. Er durchlebt dann eine Babyphase, schnurrt und gluckst, lernt dann in der Kleinkindphase laufen in der Kindphase tanzen. Man kann dann auch Ratespiele mit ihm spielen und solche Dinge. Eine Erwachsenen- und Greisenphase gibt es offenbar nicht, das erspart dem Hersteller praktischerweise den Umgang mit schwierigen Themen wie der Sexualität und dem Alterungsprozess. Ich bin ehrlich gesagt auch ganz erleichtert darüber, dass bei uns kein mittelfristig paarungswilliger und später dann sogar pflegebedürftiger Plüschvogel einziehen wird.

Das Hatchimal löst allerdings das Problem mit dem riesigen Geschenkeberg noch nicht so ganz. Wir könnten, habe ich mir überlegt, ihre Geburtstagsgeschenke auf einen großen Stapel aus den Schulbüchern legen, die sie in den kommenden Jahren brauchen wird: Latein, Mathematik, Geografie und so weiter. Ihre Begeisterung darüber dürfte sich in Grenzen halten, aber eine Überraschung ist es in jedem Fall. Mal sehen, ob ich mich das traue.

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