Papas & Opas

Youtube und die wilde 13

Felix Müllers Kinder kommen nach Hause und schlagen Alarm: Youtube werde es bald nicht mehr geben. Was ist dran?

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Screenshot BM/Reto Klar

Berlin. Mein zehnjähriger Sohn stürzte letztens nach der Schule auf meine Frau zu. Er schien besorgt und aufgebracht. Ob sie schon die Nachrichten gehört habe.

- „Nein?“

- „Mama! Artikel 13!“

- „Ähm ...“

- „Die wollen Youtube dichtmachen!“

- „Die?“

- „Die EU! Warum weißt du bitte nichts darüber?“

Ich hätte darüber auch nichts gewusst. Aber es ist gerade das größte Thema unter den Schülern. Es geht nicht um doofe Lehrer, nicht um das Plastikproblem in den Weltmeeren und noch nicht mal um die deutsche Fußballnationalmannschaft. Die Kinder echauffieren sich über Artikel 13 einer Richtlinie des Europäischen Parlaments zum Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt. Klingt merkwürdig? Ist es auch.

Ich muss gestehen, dass ich mich mit der Videoplattform Youtube bislang nur oberflächlich beschäftigt habe. Ich nutze sie manchmal, um mir Musik- oder Schachvideos anzuschauen. Mir ist auch bewusst, dass sie für die Kinder eine viel größere Bedeutung hat. Dass es dort diese Youtuber gibt, die regelmäßig Videos hochladen, in denen sie Spiele spielen, Witze erzählen oder Kleidung kritisieren. Die heißen dann LeFloid, Julien Bam oder Paluten, verdienen wohl ziemlich gut damit und haben Millionen Abonnenten. Mein Sohn wünscht sich zu Weihnachten ein Kuschelkissen von GLP und fragte neulich, ob ich ihm eine Pizza von ConCraft aus dem Supermarkt mitbringen könne. Meine siebenjährige Tochter dagegen möchte gern ein Schwein adoptieren, weil Paluten das auch vorhat.

Ich habe mich ein bisschen bei Youtube umgesehen. Ich stieß auf ein Video, in dem zu trauriger Klaviermusik und vielen bunten Bildern Folgendes verkündet wird: „In einigen Monaten werden fast alle Kanäle, die wir kennen, lieben und immer wieder gucken, gelöscht werden, egal wie groß und beliebt. Niemand wird übrig bleiben.“ Dann wird die Musik dunkel und bedrohlich, die Europaflagge kommt ins Bild: „Der Grund ist ein neues Gesetz der Europäischen Union.“ Der Sprecher erklärt, schon bald wäre es nur noch großen Firmen möglich, Videos auf der Plattform hochzuladen.

Mich nervte der apokalyptische Unterton des Videos sehr, also las ich etwas genauer nach. Besagter Artikel 13 soll Anbieter wie Youtube in Zukunft stärker in Haftung nehmen, wenn Urheberrechtsverletzungen vorliegen. Das passiert bei den selbst gebastelten Videos permanent: Mal ist es Bildmaterial, mal Musik, mal sind es Texte, die ohne Absprache verwendet werden. Obwohl Youtube an diesem Problem arbeitet und auch erhebliche Summen dafür ausgibt, will die EU das Unternehmen noch stärker in die Pflicht nehmen. Youtube-Chefin Susan Wojcicki hat deshalb eine reichlich alarmistische E-Mail an ihre Videomacher geschickt, in der sie das düstere Szenario ausmalt, das den Kindern nun in ungezählten Schauervideos präsentiert wird. Tenor: Euer Spielplatz wird geschlossen, und die Politik ist schuld.

Die Videos verschweigen leider so einiges. Dass Urheber mit guten Gründen Rechte haben zum Beispiel. Oder dass an Artikel 13 noch gar nichts sicher ist. Die Europäische Kommission verhandelt nun mit den Mitgliedsstaaten, im Januar sollen der Rechtsausschuss und das Europaparlament abstimmen. Es ist schon verblüffend, wie viele Youtuber, eigentlich durchaus reflektierende Geister, sich von der Plattform bereitwillig für ihre Lobbyarbeit einspannen lassen. So kursieren Halbwahrheiten und Gerüchte – man könnte auch sagen: Fake News – und verunsichern die Kinder.

Wenn mir mein Sohn das nächste Mal erzählt, das Internet werde bald abgeschaltet, die Meinungsfreiheit abgeschafft und das Abendland stehe vor dem Untergang, dann werde ich ihm das einmal erklären. Mal sehen, ob ich gegen millionenfach geklickte Videos ankommen kann.

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