Papas & Opas

Ich fürchte, ich bin als Opa ein Total-Versager

Was einem passieren kann, wenn man im Internet nach guten Ratschlägen für unerfahrene Großväter sucht, erlebt Dietmar Wenck.

Dietmar Wenck, Sportredakteur,  mit Enkel Linus

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Foto: Dietmar Wenck / BM

Berlin. Wissen Sie eigentlich, dass ich dieser Kolumne sehr dankbar bin? Sie ist so etwas wie ein erhobener Zeigefinger, dass ich mich gefälligst intensiv mit meinem Enkel beschäftigen soll. Schließlich darf ich ja alle zwei Wochen über etwas berichten, das ich mit ihm erlebt habe. Vorzugsweise etwas Nettes. Diese Aufgabe verändert mein Leben ganz schön. Zum Beispiel sind die freien Tage gestrichen, an denen ich mit einem Bier in der Hand Sportschau sehen konnte. Fußball-Bundesliga interessiert Linus nicht. Der Junge ist eben in Rio geboren und hat einen gewissen Qualitätsanspruch.

Mal abgesehen von solchen kleinen Reibungspunkten, weil ich leider nur in der Nähe vom Hamburger SV aufgewachsen bin: In mir entwickelt sich auch wegen der Kolumne in jüngster Zeit immer mehr das Bedürfnis, einen guten Job als Opa zu machen. Nur: Wie geht das? Darf man sich auf sein Bauchgefühl verlassen, oder zieht man besser das Wissen der Welt zurate? Auf der Suche nach Erhellendem surfe ich deshalb manchmal im Internet herum.

Dabei finde ich ziemlich häufig eher Irritierendes. Nehmen wir die Literatur zum Thema. Da gibt es den Ratgeber „Oma für Anfänger“ mit „61 Ideen, um Enkelkinder zu verwöhnen“. Ist das nicht lieb, lieber, Oma? Beim „Opa für Anfänger“ heißt es: „96 Dinge, die ein echter Opa können muss“. Klingt gar nicht so nett. Ich finde das sexistisch, ehrlich. Hashtag Leistungsterror! Denn es kommt ja noch viel härter: „In diesem Buch sind 96 Spiele und Bastelanleitungen zusammengestellt, die ein Anfänger-Opa können sollte, damit er für seine Enkel ein richtiger Opa wird“. Aua! Ich spiele am liebsten Doppelkopf und lasse Oma basteln, weil sie es kann. Mit anderen Worten: Ich bin gar kein richtiger Opa. Ich bin ein Total-Versager!

Schnell weitergesurft. Schweißgebadet lande ich auf einer Seite, wo Leih­omas vermittelt werden. Was es so gibt! 190.000 Einträge finden sich bei Google zu dem Stichwort. Instinktiv schaue ich bei den Leihopas vorbei. Nur 28.000 Einträge. Mir reicht’s. Liebt uns denn keiner? Wäre ich hip, würde ich jetzt vor Entrüstung vielleicht einen Tweet in die Welt jagen, weil ich mich noch nie in meinem Leben so diskriminiert gefühlt habe. Zum Glück muss ich das nicht tun. Erstens bin ich keine Staatssekretärin, zweitens twittere ich nicht mal. Ich parshippe auch nicht, ich habe doch Oma, aber das nur am Rande. Ich surfe lieber weiter. Und endlich wird alles gut.

„Opa! Der Mythos! Die Legende!“

Denn ich finde jetzt eine T-Shirt-Seite mit tollen Aufdrucken und spüre, wie ich mich entspanne. Okay: „Opa! Der Mythos! Die Legende!“ erscheint selbst mir ein bisschen dick aufgetragen zu sein. Wäre Linus Lina, würde ich vielleicht dieses Stück Stoff wählen: „Fünf Dinge, die du über meinen Opa wissen solltest. 1. Er ist ein extrem guter Schütze. 2. Er hat eine Schaufel und einen Garten. 3. Er hat starke Aggressionsprobleme. 4. Ich bin seine Prinzessin. 5. Er ist ein sehr verrückter Opa und ich habe keine Angst ihn zu benutzen“. Finde ich so weit ganz lustig, hab ich nur leider nicht, weder eine Enkelin-Prinzessin noch Aggressionsprobleme. Aber Schaufel und Garten. Also Vorsicht!

Brauchen Sie noch etwas Großvater-Bashing? Dann kaufen Sie doch: „Mein Opa kann alles, aber meine Oma macht alles“. Frechheit. Mir wird bei diesem ganz warm: „Da gibt es diesen Jungen, der irgendwie mein Herz gestohlen hat. Er nennt mich Opa“. Schluchz! Allerdings ahne ich, welches Linus am coolsten fände: „Ein Opa ist jemand, der dir all den Blödsinn beibringt, auf den selbst du nie kommen würdest“. Das hätte bei uns den höchsten Wiedererkennungswert.

Bis auf Weiteres reicht aber noch das blaue T-Shirt, das ich ihm von den Olympischen Spielen in Rio mitgebracht habe. Mir auch, bloß in XXL natürlich. Opa und Linus im Partnerlook – wir tragen das oft. Schwer zu sagen, wer von uns dabei stolzer ist. Klar ist nur: Das Gefühl, das verleiht der Opa nicht!

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