Papas & Opas

Warum ich Freude an einer Mülltonne habe

Wer Kinder hat, entwickelt auf einmal mehr Verständnis für die eigenen Eltern. Zum Beispiel beim Aufräumen, beobachtet Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. Vor ein paar Tagen las ich etwas Lustiges im Internet. Eine Frau schrieb: „Mit fünf Jahren lachst du über die betrunkene Tante. Mit 15 schämst du dich für die betrunkene Tante. Mit 25 bist du die betrunkene Tante.“

Nun bin ich 43 Jahre alt und werde in diesem Leben wohl nicht mehr Tante. Aber ich musste trotzdem dabei an mich denken. Seitdem die Kinder auf der Welt sind, glaube ich meinem eigenen Vater immer ähnlicher zu werden. Und das, obwohl ich mir irgendwann einmal geschworen habe, ganz anders zu werden als er – wie man das als Heranwachsender halt so macht.

Es sind vor allem die Dinge, die ich sage. Mir ist aufgefallen, dass es vor allem einsilbige Wörter sind: Nein. Schluss. Jetzt. Ab. Ich bin eigentlich nicht der Typ für Kasernenhoftöne, aber meine Kinder locken sie regelmäßig hervor. Das geht ganz leicht.

„Papa?“

„Ja, mein Schatz?“

„Kann ich nochmal den Fernseher einschalten?“

„Nein, es ist schon spät. Du solltest dir jetzt die Zähne putzen und den Schlafanzug anziehen.“

„Okay, aber kann ich dann noch ein bisschen fernsehen?“

„Ähm, wie gesagt, das geht nicht. Du musst ins Bett.“

„Aber kann ich nicht BITTE noch ein bisschen …?“

„Nein. Schluss jetzt. Ab!“

Und schon klinge ich wie mein eigener Vater. Der fügte gern noch die Redewendung „aber wie ein geölter Blitz“ hinzu oder sprach von einem drohenden „Donnerwetter“. Immerhin das kann ich mir erfolgreich verkneifen. Doch ich muss heute einräumen, dass seine Formel „Ende der Diskussion“ gar nicht so diktatorisch war, wie ich sie als Kind immer empfunden habe. Sie war schlicht eine Form von Notwehr.

Mein Vater war super, aber er hatte auch so seine Tricks, das fällt mir erst jetzt auf. Manchmal erschien er mit einem riesigen Plastikmüllsack in meinem Kinderzimmer und kündigte freundlich an, alles, was da auf dem Boden herumliege, sofort wegzuschmeißen. Die Folge war, dass ich das Zimmer aufräumte und mein Vater den Müllsack zufrieden grinsend wieder wegpackte. Ich habe heute ganz ähnliche Tricks, aber ich werde sie hier nicht hinschreiben, denn meine Kinder lesen diese Kolumne.

Ich kann aber verraten, dass ich ganz generell eine große Freude am Wegschmeißen entwickelt habe. Als ich noch kinderlos durch die Welt spazierte, bewahrte ich jeden Quatsch auf. Schlüsselanhänger, die ich schon vor Jahren ausrangiert hatte. Alte Fernbedienungen. Kino-Eintrittskarten aus den 90ern. Seminararbeiten, kopierte Bücher, Zeitungsartikel, überhaupt jede Menge bedrucktes Papier. Mir erschien es herzlos, mich von Dingen zu trennen, die einmal ein Teil meines Lebens gewesen waren und an die ich mich vielleicht eines Tages gern erinnern würde.

Heute ist alles anders. Ich bin besessen davon, Dinge loszuwerden. Alte, längst zerfetzte Brettspiele für Kinder unter drei Jahren. Defekte Fidget-Spinner, an denen magische Knete klebt. Kaputte Spielfiguren. Ich sehe das alles vor mir in die Mülltonne regnen und freue mich darüber, dass das Leben ein kleines bisschen ordentlicher wird.

Gestern stolperte ich über einen Haufen Papier im Wohnzimmer. Es waren Mathematikübungshefte meiner Tochter aus dem vergangenen Schuljahr. Niemand würde jemals wieder einen Blick hineinwerfen. Ich dachte: super, schmeiße ich weg. Aber dann machte ich einen Fehler: Ich fragte sie.

„Die können doch weg, oder?“

„Nein, auf gar keinen Fall!“

„Aber Du arbeitest doch längst mit anderen Heften!“

„Ja, aber diese erinnern mich an meine Kindheit!“

Ihre Kindheit. Madame ist sieben Jahre alt. Die Hefte habe ich dann heimlich entsorgt.

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