Papas & Opas

Weihnachten in Bullerbü geht immer

Vorlesen ist eine schöne Sache. Nur gruselig darf es nicht werden. Der „Herr der Ringe“ muss also noch warten.

Dietmar Wenck

Dietmar Wenck

Foto: Dietmar Wenck / BM

Linus hat so eine erfrischende Art, ohne lange Vorreden zu vermitteln, was er will. Taucht er morgens kurz nach sieben vor unserem Bett auf, ist die Nacht vorbei. Das ist keine Ahnung, das ist Fakt, da können wir uns so tief schlafend stellen, wie wir wollen. Macht einer von uns leichtsinnigerweise auch nur eine kleine Bewegung, sichert sich Linus mit einem Hechtsprung sofort den Platz zwischen Oma und Opa. Einen Moment schafft er es eventuell, still zu liegen. Aber kurze Zeit nach unserer vorsichtig geflüsterten Aufforderung, „versuche ruhig noch mal, ein bisschen zu schlafen“, kommt in die Stille hinein laut vernehmlich die glasklare Ansage: „Jetzt vorlesen!“ Das mit dem jetzt, das meint er so.

Die Kinderbuchauswahl in unserem Schlafzimmer ist überschaubar. Deshalb sind wir sehr dankbar, dass es Linus nie langweilig wird, die Geschichte vom „Drachen mit den roten Augen“ zu hören, die vom „kleinen Angsthasen“ oder den Klassiker „Weihnachten in Bullerbü“. So müssen wir nicht schlaftrunken lange in anderen Zimmern herumsuchen. Selbst jetzt im Sommer ist Astrid Lindgren seine Lieblingsautorin. Vermutlich liegt es daran, dass sein Vater, seine beiden Onkel und seine Tante in Bullerbü vorkommen, jedenfalls deren Vornamen. Das ist natürlich faszinierend. Und plötzlich kann er auch ganz still liegen.

Wer soll heute vorlesen? Die Frage muss zuerst geklärt werden, es geht schließlich darum, wer seine Brille aus dem Badezimmer holt. „Opa“, bestimmt Linus. Leise ächzend rolle ich mich aus dem warmen Bett. Obwohl ich nicht rübersehe, spüre ich ganz genau, wie Oma gerade tiefenentspannt in sich hineinlächelt. Und dann geht’s los. Wie heißen noch mal die Kinder von Bullerbü? „Lasse, Bosse, Ole“, zählt Linus langsam auf, „Lisa, Inga, Britta und Kerstin. Die ist aber noch klein“, schränkt er ein. „Bist du nicht selbst noch klein?“, rutscht mir raus. „Bin nicht klein, bin groß“, sagt Linus entrüstet, „ich bin schon so!“ Dabei hält er mir vier kleine Finger vor die Nase. Den Daumen knickt er nach innen ab.

Meine Vorschläge, das Leseangebot zu vergrößern, betrachtet Linus eher skeptisch. Nun will ich aber wie vermutlich jeder Opa, dass aus dem Kind mal etwas wird, deshalb liegt mir viel daran, seinen Horizont auch in diesem Bereich schrittweise zu erweitern. Dafür muss man sich manchmal ein bisschen was einfallen lassen. „Oh, wie schön ist Panama“ zum Beispiel habe ich Linus damit schmackhaft gemacht, dass ich ihm erzählte, sein Onkel habe dieses Buch als Kind quasi auswendig gekannt. Las ich dann, natürlich ganz aus Versehen, kleiner Tiger statt kleiner Bär vor, wurde ich sofort verbessert. War wirklich so. Seitdem passt Linus auch auf wie ein Schießhund.

Stark im Kommen sind die Geschichten von Leo Lausemaus. Die fand er schon immer okay für zwischendurch, aber erste Wahl ist was anderes. Es sei denn, Opa fragt: „Soll ich dir eine Geschichte von Linus Lausemaus vorlesen?“ Beim ersten Mal hat er noch korrigiert: „Nicht Linus, Opa, heißt Leo Lausemaus.“ Als ich aber beharrte, die würden mit Linus genauso gut funktionieren, hat er’s mir abgekauft. So schafften es diese Bücher bei uns auf die Bestsellerliste. Und er allein entscheidet, ob ihm heute mehr nach Leo oder Linus Lausemaus ist.

Die schönsten 100 Märchen aus ganz Europa dagegen waren der völlige Flop. Kaum hatte ich versucht, nach dem ersten Auftritt der irischen Hexe meine Stimme etwas dramatischer klingen zu lassen, schrie Linus schon: „Aufhören, aufhören!“ Aber warum denn, ist das nicht spannend, wie die Hexe mit dem Wicht kämpft? „Ist mir zu gruselig“, sagte er und schüttelte sich dabei. Na gut, ich muss das wohl akzeptieren: Linus scheint mir momentan noch eher der Happy-End-Typ zu sein.

Tolkiens Dreiteiler vom „Herrn der Ringe“ habe ich also schweren Herzens zurück ins Regal gestellt. Vorerst.

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