Papas & Opas

Ich bin schuld am Tod eines Einhorns

Wer Kinder hat, lernt viel darüber, was sich die Spielzeugbranche so ausdenkt. Aber will man das überhaupt wissen, fragt Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: pa/Reto Klar

So, Urlaub. Vergangene Woche kam ich in Südtirol an, wo sich meine Frau und die Kinder schon seit Beginn der Schulferien aufhalten. Alle saßen im Garten, die Vögel sangen, die Sonne schien über die Alpen. Am Zaun lehnte ein riesiges, grünes Ungetüm.

„Was ist denn das?“, fragte ich.

„Das ist Schildi!“, sagte meine Tochter.

„Schildi?“

„Toll, oder?“

Ich sah mir Schildi genauer an. Es war eine aufblasbare Schildkröte für den See. Nur viel größer als das natürliche Vorbild, im Durchmesser ungefähr so lang wie ich. Ich dachte an die vergleichsweise winzigen Wasserbälle, mit denen ich mich als Kind im Urlaub zufrieden gegeben hatte. Zuerst wollte ich etwas über Plastikmüll sagen und was man in letzter Zeit so darüber in den Zeitungen liest. Die Begeisterung in den Augen meiner Tochter hielt mich davon ab. Also stellte ich nur kurz etwas klar.

„Ich werde dieses Ding ganz sicher nicht zum See schleppen.“

„Aber natürlich nicht, Papa.“

Nachdem ich Schildi am nächsten Tag zum See geschleppt hatte, fiel mir auf, dass meine Frau das Schlimmste noch verhindert hatte. Der Trend schreibt in diesem Sommer die Anschaffung noch viel größerer Aufblasmonstren vor. Flamingos in den Maßen eines durchschnittlichen Kleinwagens. Oder angebissene Donuts mit den Dimensionen eines Traktorreifens. Mir fiel die Thanksgiving-Parade in New York ein, bei der Spiderman, Snoopy und Kermit der Frosch als überdimensionale Ballons durch die Straßenschluchten fliegen. Hier lag das alles im Gras herum.

„Das ist noch nicht alles“, sagte meine Frau.

„Was noch?“, fragte ich ängstlich.

Ich fand die seltsam aussehenden Teile unten in der Badetasche, die Kinder hatten sie vor ein paar Tagen am Automaten gezogen. Es waren kleine Bälle aus einer silikonartigen Masse, die sich in einer Art Fischnetz befanden. Presste man sie in der Faust zusammen, ploppten lustige Blasen durch das Fischnetz. Mir fielen die Stressbälle ein, die vor einigen Jahren mal Angestellten empfohlen wurden, um aufgestaute Aggressionen direkt am Arbeitsplatz sozialverträglich abzubauen. Nur dass diese Dinger viel effizientere Schmutzmagneten waren. Unter dem Fischnetz hatten sich schon jede Menge Haare, Staub und Sand zur lustigen Party zusammengefunden. Während ich das Ding mit wachsendem Widerwillen betrachtete, begann meine siebenjährige Tochter plötzlich panisch zu schreien. Sie zeigte auf den See.

„Oh mein Gott! Papa, du musst es retten!“

Man muss dazu sagen, dass sich der Himmel über uns inzwischen dramatisch verdüstert hatte. Hinter den Bergen rumpelte schon der Donner, ein Gewitter braute sich zusammen. Die anderen Badegäste packten ihre Sachen zusammen, kein Mensch war mehr im See. Nur in seiner Mitte schwamm auf windgekräuselter Wasseroberfläche ein riesengroßes, schneeweißes, aufgeblasenes Einhorn.

Meine Tochter liebt Einhörner. Wir haben sogar Einhorn-Getränkepulver daheim. Es schmeckt komplett abscheulich, aber Wegschmeißen ist keine Option, deshalb lassen wir die Packung feierlich im Küchenschrank verstauben. Ich sah mich also bereits heroisch durch das Wasser kraulen, um das Tier zu retten. Aber mein Gehirn dichtete gleich eine Schlagzeile dazu: „Familienvater (43) bei Einhorn-Rettung von Blitz erschlagen!“

„Ich möchte das lieber nicht tun“, sagte ich.

Meine Tochter ließ die Schultern hängen. Langsam trieb das Einhorn außer Sichtweite. Es dürfte irgendwo im Schilf einen einsamen Tod gestorben sein. Dasselbe Schicksal traf übrigens unsere Riesenschildkröte. Durch ein unsichtbares Loch verlor sie plötzlich all ihre Luft und liegt nun vollständig erschlafft auf einer Bank im Garten. Ich muss gestehen, dass sie mir so viel sympathischer ist.

Mehr aus "Papas & Opas":

Und nächste Woche Erdbeermarmelade

Ich kann Erziehung einfach nicht

Opa und Enkel - abenteuerliche Fahrradtour zum Bäcker

Plötzlich Opa - Und es könnte nicht schöner sein!

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.