Papas & Opas

Und nächste Woche Erdbeermarmelade

Das gemeinsame Einkochen mit den Großeltern hat für Kinder bis heute nichts von seiner Faszination verloren, beobachtet Dietmar Wenck.

Dietmar Wenck, Sportredakteur,  mit Enkel Linus

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Foto: Dietmar Wenck / BM

Berlin. Das Geheimnis des Erfolgs klingt verhältnismäßig einfach: Ich muss die Brombeeren nur schneller sammeln, als Linus sie naschen kann. Offenbar habe ich seine Aufnahmekapazitäten aber unterschätzt, anfangs liefern wir uns einen harten Kampf, die Schüssel will und will nicht voller werden. Dafür ist der kleine Mund meines Enkels schon dunkellila gefärbt. „Mmmm“, brummt er zufrieden vor sich hin. Nur wenn mal eine noch nicht ganz reife Frucht dabei ist, verzieht er sein Gesicht und protestiert: „Sauer, Opa!“ Die entstehenden kleinen lila Pausen nutze ich, so kommt das Kilo schließlich doch zusammen. Genau so viel brauchen wir, denn wir haben heute noch etwas vor. Wir wollen gemeinsam Marmelade einkochen.

Obwohl Linus morgens Honig, Nutella (nur am Wochenende) oder Serrano-Schinken bevorzugt, war er von der Idee sofort begeistert und hat sogar seine Lego-Burg deshalb vorübergehend vergessen. Zumindest scheint es so. „Du machst das?“, fragt er mich ungläubig. Er versteht anfangs nicht, warum ausgerechnet Opa für die Marmelade zuständig ist, wo doch Oma sonst meistens kocht. Dann erzähle ich ihm die Geschichte, wie ich früher als kleiner Junge mit seiner Uroma und seiner Großtante in den Wald gegangen bin, um Himbeeren oder Brombeeren zu sammeln und wie daraus wunderbare Gelees und Marmeladen wurden. Linus liebt solche Geschichten, solange nicht irgendwelche fiesen Wölfe darin vorkommen. Nun steht er auf einem Wohnzimmerstuhl und ist mit Feuer und Flamme dabei.

Vorher habe ich Gläser aus dem Keller geholt und Gelierzucker. Linus braucht den Stuhl, denn Herd plus großer Topf überfordern seine Körpergröße noch. Aber aus dieser erhöhten Position kann er die Brombeeren prima einzeln in den Topf befördern. Mehr oder weniger jedenfalls – ein bisschen Ausschuss ist immer. „Schade“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf die Abgeprallten, damit ich weiß, wo ich eingreifen muss. Dann presst er mit seinen Händchen zwei halbe Zitronen aus, Opa muss nur ein wenig helfen. Den Saft schüttet er über die Brombeeren, den Gelierzucker auch. Jetzt beginnt der beste Teil, das Stampfen. „So richtig?“ Ja, alles perfekt. Auch wenn nach einer Weile nicht mehr nur sein Mund dunkellila gefärbt ist. Geschenkt.

Jetzt, da es anfängt zu köcheln, stelle ich eine Stoppuhr auf. Vier Minuten. „Willst du auch rühren, Linus?“ Er versucht es kurz, aber die Hitze ist ihm zu anstrengend. „Ich stampfen, du rühren“, entscheidet Linus und hüpft vom Stuhl. Er wollte jetzt sowieso mal kurz an seiner Lego-Burg vorbeisausen, ob da noch alles in Ordnung ist. Trotzdem schaut er wenig später wieder sehr interessiert zu, wie die heiße Masse in die Gläser eingefüllt wird. Acht kleine werden voll. Linus kann nicht widerstehen, einmal anzufassen. „Heiß“, stellt er erschrocken fest. „Warte noch einen Moment“, sage ich, „du musst gleich probieren, ob unsere Arbeit sich gelohnt hat.“ Im Topf bleibt ja immer ein kleiner Rest. „Nicht heiß?“, fragt er skeptisch, als ich ihm eine Löffelspitze anbiete. „Schmeckt gut“, sagt er, und von nun an braucht er keinen Löffel, um noch mehr herauszukratzen. Schmeckt vom Finger genauso gut, mindestens. Bis er beschließt: „Fertig!“ Doch ich schüttele den Kopf. Etwas Wichtiges fehlt Opa noch: Etiketten.

Wir beschließen eine Arbeitsteilung. Linus malt mit einem dicken Filzstift eine Brombeere auf jeden der acht kleinen Zettel, ich schreibe „marmelade“ hintendran. Stolz betrachten wir anschließend unsere acht Brombeermarmeladengläser, und für einen Moment stelle ich mir vor, dass Linus vielleicht auch einmal Enkel, irgendwann ... „Nächste Woche Erdbeermarmelade“, reißt er mich aus meinen Gedanken. Tja – er kann eben noch nicht wissen, dass die Zeit, in der man Erdbeeren selbst pflücken kann, leider schon vorbei ist.

Aber vielleicht weiß er ja auch von Oma, dass Opa vorgesorgt und drei Kilo eingefroren hat.

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