Papas & Opas

Ich kann Erziehung einfach nicht

Wie man Kinder kriegt, hat sich offenbar herumgesprochen. Aber wie geht nochmal das, was danach kommt?

Felix Müller

Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. In anderen Familienkolumnen lese ich oft Ratschläge an andere Eltern in Sachen Erziehung. Ich finde das aus zwei Gründen faszinierend. Erstens weiß ich nicht, warum man anderen Leuten ungefragt Ratschläge geben sollte. Der einzige Grund, der mir einfällt, ist die Selbstinszenierung als entspannter Bescheidwisser, und das finde ich eher unsympathisch. Zweitens muss ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was Erziehung eigentlich sein soll.

Ein gutes Beispiel ist das Zubettgehen. Wenn nicht gerade, wie jetzt, Ferien sind, sollen sich unsere Kinder so spätestens gegen 21 Uhr ins Bett verziehen. Wird es später, sitzen uns morgens beim Frühstück Zombies gegenüber. Also soll um 21 Uhr Schluss sein. Das läuft dann immer ungefähr so ab:

- „Du hast noch keinen Schlafanzug an.“

- „Ja, gleich.“

- „Nicht gleich, jetzt.“

- „Ich muss noch ganz kurz …“

- „Was? In der Nase bohren? Ab jetzt!“

Sohn oder Tochter trollen sich nach solchen Gesprächen dann meistens ins Kinderzimmer. Komme ich zehn Minuten später nachsehen, trägt natürlich keiner von beiden einen Schlafanzug. Der eine blättert in „Gregs Tagebuch“, die andere hat ihren Tuschkasten ausgepackt und malt eine Prinzessin mit lila Kleid.

- „Habe ich nicht was von Schlafanzug gesagt?“

- „Ich muss das hier noch lesen.“

- „Papa, die Prinzessin hat noch gar keine Frisur.“

Beide sitzen seelenruhig da, machen weiter und ignorieren mich. Ich schaue mir das an und denke einerseits: super. Die lassen sich nichts sagen, ich liebe sie dafür. Andererseits habe ich schon die Monster vom kommenden Morgen vor Augen. Unausgeschlafene Kinder sind in etwa so erfreulich wie eine Fahrt in der überfüllten U-Bahn im Hochsommer, und beides hintereinander halte ich nicht aus. Ich suche also nach einem Satz, der Eindruck schindet, und ich versuche ihn so streng wie möglich auszusprechen. Ich schnarre im Ton einer unwirschen Freibaddurchsage: „Wenn ihr euch jetzt nicht sofort die Schlafanzüge anzieht, dann, äh … schicke ich euch ohne Zähneputzen ins Bett!“

Beide schauen mich an.

Mein Sohn sagt: „Na und?“

Ich kann Erziehung einfach nicht.

Jedenfalls dann nicht, wenn Erziehung streng sein bedeutet. Streng sein liegt mir nicht, die Kinder wissen das auch. Weil ich einfach nicht streng sein kann, denke ich auch nicht so oft darüber nach. Mich beschäftigen im Umgang mit den Kindern oft andere Fragen, zum Beispiel das Schachproblem.

Ich spiele gern Schach, und mein neunjähriger Sohn hat das zu meiner Freude von mir übernommen. Er geht in der Schule in eine Schach-AG und wird immer besser, manchmal nimmt er auch an Turnieren teil. Noch kann ich ihn schlagen, aber nicht mehr so leicht wie früher, als ich nebenbei noch in der Zeitung lesen oder aufs Handy schauen konnte. Ich muss verdammt aufpassen. Und zugleich gibt es dabei ein Erziehungsproblem.

- „Papa?“

- „Ja?“

- „Du darfst aber nicht so gut spielen.“

- „Soll ich dich gewinnen lassen?“

- „Nein, das nicht. Aber du sollst nicht so gut spielen. Nur so mittel halt.“

- „Ich weiß aber nicht, wie das geht.“

- „Probier es einfach.“

So etwas stürzt mich in Grübeleien. Ob ich beabsichtigt schlecht oder mittelmäßig spiele, läuft auf dasselbe hinaus: Ich lasse ihn gewinnen. Ist das gut? Einerseits natürlich nicht, denn beim Schach wird man nur durch Niederlagen besser. „Failure sucks, but instructs“, heißt es so schön. Andererseits stärken Siege das Selbstvertrauen und machen einen vielleicht nicht zu einem besseren Spieler, heben aber die Laune. Ich eröffne also mit irgendeinem seltsamen Zug und denke: Vielleicht finde ich dazu ja mal einen entspannten Ratschlag in einer Familienkolumne.

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