Papas und Opas

Plötzlich Opa - Und es könnte nicht schöner sein!

Wie es sich anfühlt, plötzlich Großvater zu sein, und warum man im Notfall immer eine einfache Lösung findet, schreibt Dietmar Wenck.

Dietmar Wenck mit seinem Enkel Linus

Dietmar Wenck mit seinem Enkel Linus

Foto: Dietmar Wenck / BM

Fast fünf Jahre ist es jetzt her, dass mein Sohn mir mitteilte, er werde in ein paar Monaten Vater. Ich war ganz schön überrumpelt, irgendwie war er für mich ja selbst noch ein Kind. Und ich als künftiger Großvater auch erst knapp über 50, um das mal hier am Rande zu erwähnen. Wer wie ich vier Kinder hat, kann sich natürlich gut vorstellen, irgendwann Opa zu werden. Aber so bald? Und so plötzlich?

Externe Beobachter lobten später, ich sei voll cool geblieben. Ich fand mich auch nicht übel, habe jedes Hätte-man-nicht-lieber, Wenn-du-nur-schon-etwas-älter-wärst und Aber-was-soll-nun-aus-deinem-Studium-werden tapfer heruntergeschluckt und lässig gesagt: Ist doch schön, dass unsere Familie wächst. Melde dich, wenn du Hilfe brauchst. Das kriegen wir gemeinsam hin. Abschließend bat ich: „Jetzt möchte ich unbedingt mal deine Freundin kennenlernen.“

Anmerken lassen wollte ich es mir nicht, aber selbstverständlich war ich beunruhigt. Damals konnte ja niemand ahnen, wie sich alles fügen würde. Ehrlich gesagt, mussten wir als Eltern gar nicht viel tun. Nun, wo es ausgesprochen war, haben die jungen Leute die Situation verblüffend gut allein in den Griff bekommen. Inzwischen lebt die kleine Familie glücklich etwas außerhalb Berlins. Linus ist schon viereinhalb Jahre alt – Enkelkinder, wie die Zeit vergeht. Die drei besuchen uns zum Glück oft und gern.

Wenn dann die S-Bahn einfährt, sich die Türen öffnen, Linus „Opa, Opa“ ruft und in meine Arme läuft, denke ich: Nichts-hätte-besser-sein-können! Fährt der Zug ein paar Tage später in die andere Richtung ab, bin ich ein bisschen traurig. Aber zum Glück kommen sie bald wieder.

Jeden Morgen aufwachen neben einer Oma - ein schönes Gefühl

Um die lästerliche Frage eines Kollegen („Wie fühlt es sich an, jetzt jeden Morgen neben einer Oma aufzuwachen?“) zu beantworten: Es ist ein sehr schönes Gefühl, Opa zu sein. Fast wie Vater, bloß ganz klar einfacher. Ich genieße, dass es sich bei meinen neuen familiären Aufgaben um einen gesellschaftlich anerkannten Teilzeitjob handelt – mit sehr praktischen Seiten. Vieles geht, nichts muss. Das musste ich erst lernen, so wie andere Dinge damals als Vater beim ersten Kind. Da war klar, wenn es schrie, hatte es meistens Hunger.

Ab und zu war auch die Windel voll, oder es war einfach müde. Man fütterte das Kind dann, wechselte die Windel oder wiegte es in den Schlaf. Manchmal alles nacheinander. Kein Problem. Kam es ganz hart, musste ich auch mal singen. Mir ist bis heute ein Rätsel, dass diese Methode funktioniert hat.

Dankbare Blicke, weil man sich gekümmert hat

Beim Enkel sind die Aufgaben andere: „Kommst du spielen, Opa?“ Dann heißt es, verrückte Duplo- und neuerdings Lego-Paläste bauen, Schleich-Tiere sinnvoll zusammenstellen, Sachen halt, die ich von damals noch halbwegs draufhabe. Oder er möchte „gucken“, sein Ausdruck für fernsehen. Ab und zu schauen wir die lustigen alten Schweinchen-Dick-Geschichten zusammen an. Oder die Sendung mit dem kleinen Elefanten und dem Hasen. Gab es früher nicht, aber ich kann dem inhaltlich folgen, und Linus lacht sich schlapp. Sowieso hat er überwiegend gute Laune, wenn sich jemand um ihn kümmert. Oma und Opa dürfen sich dabei gern abwechseln. So bleiben sie schön frisch.

Außerdem kommt jetzt eine großartige Option dazu, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht und Linus doch lieber schreien will. Sollte nicht sowieso schon einer von ihnen in Habachtstellung angerückt sein, rufe ich die Eltern und drücke ihnen ihr Kind in den Arm. Könnt ihr mal schauen? Da stimmt was nicht mit meinem Enkel. Bitte reparieren!

Verrückt? Das klappt immer, man bekommt sogar statt vorwurfsvoller noch dankbare Blicke, weil man sich so lange gekümmert hat. Keine Sorge, es ist ja nur eine Option, und die wird ganz ehrlich für den Notfall aufgehoben. Aber Opa muss schließlich seine Kräfte einteilen. Falls irgendwann das nächste Enkelkind kommt.

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