Papas & Opas

Wie man an Hohlkörpern verzweifeln kann

Der zwölfjährige Sohn bekam in der Schule die Aufgabe, eine Lochkamera zu basteln. Ich wollte ihm helfen. Er hatte also ein Problem.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller.

Foto: Reto Klar

Berlin. Als ich noch zur Schule ging, hielt der sogenannte Werkunterricht für mich die größten Demütigungen bereit. Ich erinnere mich zum Beispiel gut daran, wie wir an meiner oberpfälzischen Grundschule das Stricken beigebracht bekamen, ich war vielleicht acht Jahre alt. Die Aufgabe war, ein Kuscheltier herzustellen, eine Schlange. Die Klasse fabrizierte ein ganzes Rudel großer, bunter, prächtiger Kuschelschlangen; mein streberhafter Freund Uli erstrickte sich ein Exemplar mit den Ausmaßen einer Anakonda.

Ich dagegen brachte nur eine Art Molch zustande, vielleicht halb so groß wie ein Wiener Würstchen, Uli sah es mitleidig an. Ich bekam das mit dem Stricken einfach nicht hin, ich hatte zwei linke Hände, auch das Basteln lag mir nicht. Das Geschöpf saß noch viele Monate in meinem Kinderzimmer herum und erinnerte mich daran, dass ich offenbar andere Stärken habe als handwerkliche.

Das alles fiel mir wieder ein, als mein Sohn vergangene Woche aus der Schule kam und sagte, er brauche dringend ein paar Sachen für seine Hausaufgabe.

– „Nämlich schwarzen Karton, Klebeband und Transparentpapier, Papa.“

- „Und wofür?“

- „Wir sollen eine Lochkamera basteln.“

- „Ah. Für Physik?“

- „Nein, für den Sportunterricht, Papa. Natürlich für Physik.“

- „Okay, dann geh ich mal los.“

Mir schwante Schlimmes, aber mein Ehrgeiz war irgendwie geweckt. Vielleicht konnte ich nun endlich mein Molchtrauma überwinden? Eine halbe Stunde später saßen wir am Schreibtisch, ich breitete das Material aus, krempelte die Ärmel hoch und begann, die Anleitung zu studieren.

– „Und nun, lieber Sohn, brauchen wir ein Lineal.“

– „Hier.“

– „Was soll denn das sein?“

– „Es ist mir leider letztens zerbrochen.“

– „Habt ihr wieder Schwertkämpfe damit gemacht?“

Mein Sohn sah schuldbewusst zu Boden, während ich mit dem Linealstummel auf dem Karton zu hantieren begann. Es ging um die Herstellung zweier schachtelförmiger Hohlkörper – der eine etwas kleiner als der andere, damit man sie ineinander schieben und so den Lichteinfall variieren kann. Um das hinzukriegen, muss man millimetergenau arbeiten, sonst passt am Ende alles nicht zusammen. Eine halbe Stunde später lagen sie vor uns auf dem Tisch. Sie sahen etwas deformiert aus.

– „Ob das funktioniert, Papa?“

Natürlich funktionierte es nicht. Nun begann, was ich die Phase der wachsenden Verzweiflung nennen würde: Wir lösten die aneinander geklebten Ecken wieder und begannen die Maße nach Gutdünken zu verschieben, klebten erneut, fluchten über die Anleitung, die in der Tat an vielen Stellen rätselhaft war, suchten den Schraubverschluss der Klebetube und ließen nebenher Youtube-Videos laufen, in denen die elegantesten Lochkameras der Welt ganz leichthändig hergestellt wurden.

– „Warum können die das und wir nicht, Papa?“

– „Wir haben andere Stärken.“

Irgendwann jedenfalls lag die fertige Apparatur auf dem Tisch. Tatsächlich konnte man jetzt die zusammengesteckten Schachteln wie bei einem Teleskop auseinanderziehen. Der Sohn hatte eine kleine Millimeterskala gebastelt, mit der man genau den Abstand zwischen Lichteinfall und Projektion messen konnte, und ich hatte einen mittleren Tobsuchtsanfall überwunden, nachdem ich festgestellt hatte, das Transparentpapier auf der falschen Seite aufgeklebt zu haben. Das Ding funktionierte auch halbwegs, auf dem Papier erschienen auf den Kopf gestellte Bilder, wie es bei einer Lochkamera der Fall sein muss. Der Sohn packte sie ein und nahm sie tags darauf mit in die Schule. Abends fragte ich ihn, wie es gelaufen war.

– „Ganz okay. Nur Jan hatte eine viel schönere, die war wirklich perfekt.“

– „Dein Jan ist mein Uli.“

– „Was?“

– „Ach nichts.“