Papas & Opas

Wenn die Tochter feiert, geht die Frau ins Hotel

Das neue Jahr ist noch jung, und der Stress schon wieder da: Die Deadline für die Kindergeburtstagsfeier naht, beobachtet Felix Müller.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: pa/Reto Klar

Kürzlich war ich mit der neunjährigen Tochter im Kino. Es ging um einen Geheimagenten, der sich in eine Taube verwandelt hat. Wir waren auf dem Heimweg noch mit der detaillierten Ausdeutung des Films beschäftigt, als uns überraschend ein alter Bekannter von mir über den Weg lief. „Hallo, Felix!“, rief er – und als er sah, wer mich begleitete: „Oh! Dann ist das deine berühmte Tochter aus der Kolumne?“

Ich konnte ihr ansehen, dass ihr das gefiel. Ich verriet ihr deshalb nicht, dass dieser Bekannte von mir die Kolumne womöglich nur kennt, weil er eben ein Bekannter von mir ist und hier ein paar Neuigkeiten aus meinem Leben erfahren kann; dass also „berühmt“ in diesem Fall als launige, ironische Überspitzung zu verstehen ist. Was hätte ich auch sagen sollen? Der meint das nicht so, du bist gar nicht berühmt?

Ich dachte darüber nach, wie wichtig ihr das wohl sein könnte: berühmt zu sein. Man unterstellt Kindern ja gern, dass sie sich eine Zukunft als Star ausmalen. Ich glaube aber, wir haben es hier mit einer Projektion aus der Erwachsenenwelt zu tun.

Soweit ich die Wunschträume meiner Kinder kenne, haben sie nichts mit irgendeinem Zustand zu tun, den sie in ferner Zukunft mal erreichen könnten. Das ist ihnen egal, sie denken in viel kleineren Zeitfenstern. Meine Tochter zum Beispiel will Ende Januar ihren Geburtstag nachfeiern. Es soll eine Übernachtungsparty mit acht Mädchen werden. Ich habe dem zugestimmt, woraufhin mich meine Frau für vollständig wahnsinnig erklärt hat. Sie kündigte an, in dieser Nacht zusammen mit unserem Sohn ins Hotel zu gehen.

– Das wird das nackte Chaos. Du spinnst.

– Ich brauche das aber doch für meine Kolumne.

– Verstehe. Dann viel Spaß!

Der Geburtstag soll am letzten Januarwochenende stattfinden, und ich bin sicher, dass wir daheim bis dahin über nichts anderes mehr reden werden. Die bereits verteilten Einladungskarten sind mit verschiedenen schlafenden Tieren bedruckt. Nach einer zweistündigen Beratung mit sich selbst hatte die Tochter entschieden, welche Freundin das Faultier, welche den niedlichen Hund, welche das Äffchen und so weiter bekommt. Ich möchte mir die Diskussionen nicht ausmalen, als sie die Karten in der Schule verteilte.

– Und wo kriegen wir eigentlich acht Mädchen unter, Tochter?

– Wir legen einfach das Wohnzimmer mit Matratzen aus.

– Und dann?

– Dann machen wir eine Verlosung.

Sie präsentierte mir eine aufwendig gebastelte Losbox, die sie in geheimer Bastelarbeit wann auch immer hergestellt hatte. Mir schwante Schlimmes. Gewinnspiele auf Kindergeburtstagen sind ein Problem, zumindest bei uns. Das Geburtstagskind erwartet umfassende Privilegien in jeder Hinsicht. Beim Spielen aber kann man nun mal verlieren, beim Losen sogar mit erhöhter Wahrscheinlichkeit. Dann folgen Flüche, Dramen und Tränen. Diese Losbox, dachte ich, ist ein Fahrschein ins Unglück.

– Und wenn wir mal einen Kindergeburtstag ohne Gewinnspiele machen?

– Spinnst du jetzt?

– Wir könnten ja mit allen Mädchen zusammen etwas kochen. Und dann lese ich noch was vor. Oder wir malen alle zusammen ein riesiges Bild. Oder wir schauen einen Film.

– Meinst du?

Kann sein, dass sie sich darauf einlässt, wir werden sehen. Heute Abend trifft sich die Taskforce zum Kindergeburtstagsabendessen, am kommenden Wochenende tagt das Dekorationskomitee und danach der Unterausschuss für die Süßigkeiten. Alle diese Gremien sind nur mit meiner Tochter und mir besetzt, täglich werden wir beraten, und wenn ich ehrlich bin, bewundere ich sie dafür, wie sie ihren Geburtstag auf diese Weise um ganze drei Wochen konzentrierter Vorfreude erweitert. Vielleicht kann ich da etwas von ihr lernen.

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