Mamas & Papas

Ich führe ein Leben als Auskunftsbüro

Wer Diskussionen mit seinen Kindern führt, sollte nicht auf Argumente vertrauen, sondern Ruhe bewahren.

hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Es gibt eine ganze Reihe von Neuigkeiten, sobald man Kinder in seinem Leben hat. Bei mir gehört ein Gefühl dazu, für das ich lange ein passendes Wort gesucht habe, bis ich es eines Tages endlich fand: das nicht-die-Mama-Gefühl.

Das klingt sperrig, aber ich kann es erklären. In der ersten Hälfte der 90er lief im deutschen Fernsehen mal eine US-Serie mit dem Titel „Die Dinos“. Schauspieler in Ganzkörperkostümen stellen dabei das alltägliche Leben einer vermenschlichten Dinosaurierfamilie nach: Vater, Mutter und drei Kinder, darunter ein Baby. Das Baby weigert sich in allen 65 Folgen der Serie beharrlich, seinen Vater mit „Papa“ oder wenigstens mit dem Vornamen anzureden. Er heißt nur „nicht die Mama“ und bekommt so dauernd vor Augen geführt, dass er für sein Kind die zweite Geige spielt: Er ist nicht Papa, er ist nur dieser eine Typ, der halt auch da ist, warum auch immer.

Diese Erfahrung habe ich auch schon öfter gemacht. Meine siebenjährige Tochter ist im Schwimmverein und geht zweimal die Woche zum Training. Normalerweise begleitet sie meine Frau dorthin, aber vor ein paar Wochen hatte sie mal einen Termin und konnte nicht, also kam ich früher aus dem Büro nach Hause.

„Pack deine Sachen, Süße, wir gehen zum Schwimmen.“

„Wie jetzt, wir?“

„Du und ich.“

Panik in ihren Augen.

„Wo ist Mama?“

Mir fiel auf, dass mir seit Geburt der Kinder keine Frage häufiger gestellt worden ist. Während sich meine Frau dauernd um alle möglichen Nöte kümmern darf, um laufende Nasen, Durst, Hunger, Wunden und das Taschengeld, bin ich eigentlich nur ein Auskunftsbüro, das im Fall von Mamas Abwesenheit konsultiert wird. Mit „Wo ist Mama?“ werde ich häufiger angesprochen als mit „Papa“.

„Mama kann heute nicht“, sagte ich.

„Oh Gott“, seufzte meine Tochter.

„Ich glaube, wir kriegen das auch gut hin, oder?“

„Aber ich gehe nicht in die Männerumkleide.“

Darüber musste ich nachdenken. Ich würde mich ja nicht umziehen, sondern nur sie, und dann sollte ich sie zum Schwimmbecken begleiten. So jedenfalls hatte mir meine Frau das erklärt. Meine Tochter verlangte also gerade von mir, dass ich mich als erwachsener Mann mitten im Schwimmbetrieb für einige Minuten in die Frauenumkleide stellte. Die Vorstellung kam mir ziemlich absurd vor.

„Nein, wir gehen in die Männerumkleide.“

Es folgte eine Diskussion, in der mein Argument, ich wolle nicht für einen Spanner gehalten werden, dadurch geschwächt wurde, dass meine Tochter gar nicht weiß, was ein Spanner ist. Wir redeten aneinander vorbei, aber eigentlich redete nur ich. Sie kreischte.

Ich versuchte, es aus ihrer Sicht zu sehen. Mama war weg, und jetzt war da dieser komische Typ, der halt auch immer da ist (ich). Und dieser Typ wollte sie nun an einen Ort zwingen, den sie sonst niemals freiwillig aufsuchen würde (Männerumkleide). In gewisser Weise konnte ich sie verstehen. Aber ich sah keine andere Lösung.

„Und wenn ich dir danach eine Gummischlange ausgebe?“

„Zwei.“

„Okay.“

Gummischlangen sind bei uns ein perfektes Korruptionsmittel, sie funktionieren immer. Alle Eltern, die sagen, man solle seine Kinder auf keinen Fall mit Süßigkeiten bestechen, frage ich: Habt ihr schon mal mit einer kreischenden Siebenjährigen fünf Minuten vor Beginn des Schwimmkurses noch zu Hause gestanden und absurde Diskussionen geführt?

Wir fuhren also zum Schwimmbad, meine Tochter betrat gramgebeugt die Herrenumkleide. Wir trafen darin nur ein paar Väter mit ihren Töchtern.

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