Mamas & Papas

Über diese verbissenen Besser-Eltern kann man nur lachen

Auf der Nervskala ganz oben stehen die exhibitionistischen Eltern, gefolgt von den bewussten Ernährern, meint Judith Luig.

Autorin Judith Luig über Eltern auf Berliner Spielplätzen

Autorin Judith Luig über Eltern auf Berliner Spielplätzen

Foto: David Heerde/Reto Klar/Montage: BM

Berlin. Die Spielplatz-Saison hat begonnen. Jetzt treffen wir all diese anderen Eltern, die wir eigentlich vermeiden wollen. Die Sandförmchen-Bewacher-Eltern, die „das-andere-Mädchen-lässt-dich-sicher-gleich-auch–mal-schaukeln-Hanna-Sophie-Eltern“, die Eltern, die komplett igno­rieren, dass ihre Kinder gerade Sandsturm-Festspiele veranstalten und die allerschlimmste Sorte: die exhibitionistischen Eltern. Die, die die ganze Welt an ihrer Erziehung teilhaben lassen müssen.

Die meisten exhibitionistischen Erzieher sind Männer. Sie haben gelesen, dass es jetzt zum Lifestyle gehört, ein engagierter Dad zu sein. Deswegen gehen sie auf den Spielplatz, um auch den anderen Eltern zu zeigen, wie toll sie gemeinsam mit ihrem Nachwuchs rutschen oder Ball spielen oder sonst irgendetwas Gewagtes anstellen.

Exhibitionistische Papas reden immer ganz laut mit ihren Kindern, damit auch ja niemand verpasst, was sie für irre Vater-Sohn- oder Vater-Töchter-Gespräche führen können. „Hm, Luca, da wollen wir mal sehen, ob du wieder so toll den Ball triffst, gestern waren es ja 15 Mal und dabei bist du erst vier und somit deiner Zeit motorisch weit voraus.“ – „Na, Chiara-Marie, sollen wir dieses Jahr wieder mit dem Porsche durch die Bretagne fahren?“ Glücklicherweise sind die Exhi-Dads schnell erschöpft. Schon nach zehn Minuten Beschallung sinken sie ermattet auf die nächste Sitzgelegenheit, zücken ihr Smartphone und checken, was sonst noch so los ist.

Zucker ist das neue Crystal Meth

Direkt hinter den exhibitionistischen Eltern auf der Nervskala folgen die bewussten Ernährer. Letztens bot Fiona ein Stück ihres Schokoriegels einem Mädchen an, mit dem sie friedlich im Sand gespielt hatte. Ich weiß, Schokolade auf dem Spielplatz macht einen zum sozialen Außenseiter. Zucker ist das neue Crystal Meth. Aber ich hatte vergessen, etwas zu essen mitzunehmen und war auf den Verkaufsautomaten am U-Bahnhof angewiesen. Fiona hielt also dem Mädchen ein Stück ihrer Schokolade entgegen und ich bereitete mich innerlich auf einen Vortrag über die Zucker-Lobby und ihre kriminellen Machenschaften vor, aber dann sagte die Mutter: „Weißt du eigentlich, dass da Palmöl drin ist?“ Ich wusste bis zu dem Moment noch nicht einmal, dass es so etwas wie Palmöl gibt. Andere Mütter können einem ja so viel beibringen. Vor allem die, die immer leckere und gesunde Snacks in Tupperdosen parat haben.

Am Kiosk an unserem Spielplatz stand ich letztens hinter einer bewussten Ernährerin. Ihre etwa vierjährige Tochter hatte sich gerade ein riesiges Gummitier aus einem Einmachglas gefischt und wollte ihm den Kopf abbeißen. „Entschuldigen Sie“, sagte die Mutter zum Verkäufer, „aber ist da Schwein drin?“ Der Verkäufer war irritiert. „Die Gelatine“, sagte die Mutter, „diese Schweinegelatine, ist die da drin?“ Der Verkäufer verneinte es. „Das müssen Sie mir versprechen“, so die Mutter. „Sie müssen da hundertprozentig sicher sein.“ Eine längere Diskussion über die Geschichte der Gummibärchen-Produktion begann, in deren Verlauf der Verkäufer immer mehr von seiner ursprünglichen Position abrückte und die Schlange hinter uns immer länger wurde. Schließlich mischte sich ein anderer Wartender ein. „Ich würde dem nicht vertrauen. Die sind sicher mit Schweinegelatine hergestellt“, sagte er und zeigte auf das Glas.

Die Mutter fing sofort an, das Gummitier aus den sandig-feuchten Händen der Tochter zu lösen und es wieder zurück ins Glas zu stopfen. „Das kannst du nicht essen“, erklärt sie ihr. Ich betrachtete sie näher. Die Frau trug ein Polyester-Shirt mit Glitter und Hotpants. Vegane New-Age-Öko-Tussi oder gläubige Muslima? Weder noch oder beides wohl nicht ganz konsequent umgesetzt. Ihre Tochter trug einen riesigen, rosa Peppa-Wutz-Rucksack. „Sie wissen schon, dass Peppa ein Schwein ist?“, fragte ich die Mutter. „Finden Sie das witzig?“, keifte sie mich an.

Ehrlich gesagt: Ja. Ich finde, das Mindeste, was man tun kann, wenn man von verbissenen Besser-Eltern umgeben ist, ist, sich über sie lustig zu machen. Das ist man ihnen schuldig.

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