Mamas und Papas

Wieso man nie in die Handtasche einer Mutter greifen sollte

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Judith Luig
Judith Luig hat neulich aus Versehen und ohne groß nachzudenken in ihre Handtasche gegriffen

Judith Luig hat neulich aus Versehen und ohne groß nachzudenken in ihre Handtasche gegriffen

Foto: Reto Klar

Alles, wofür sie gerade keine Verwendung hat, steckt Judith Luig in ihre Handtasche. Wie das endet, kann man ahnen.

Letztens habe ich in meine Handtasche gegriffen. Ich weiß auch nicht, warum ich das gemacht habe. Bevor ich ein Kind hatte, habe ich ein Buch geschrieben darüber, was man als Freundin einer Mutter alles nicht machen sollte. In diesem Buch habe ich eindrücklich davor gewarnt, in die Handtasche einer Mutter zu greifen. Und dann habe ich es selbst getan.

Das erste, was ich fühlen konnte, war eine klebrige, körnige Nässe inmitten von Papierchen unklarer Provenienz. Ach, habe ich gedacht, dann ist die Apfelschorle, die ich letzte Woche gesucht habe, jetzt doch wieder aufgetaucht. Nur eben in einer anderen Form. Wahrscheinlich ist sie auf den halben Fruchtriegel getroffen, den ich aufbewahren wollte, weil man ja nie weiß, wann das Kind wieder hungrig wird. Obwohl es sich dafür sehr körnig anfühlt. Ist das nicht doch eher Sand von Fionas Gugelhupf-Förmchen, das ich diesem Asi-Kind am Freitag in letzter Sekunde noch aus der Hand reißen konnte?

Zum achten Mal den Sandeimer nachkaufen

Weil ich auf gar keinen Fall zu den Eltern gehören will, die ihre Förmchen mit fettem Edding und dem Namen ihres Kindes – „FRITZ“, „CARL“, „JOSEPHA“ – beschmieren, gehöre ich zu den Eltern, die kurz vor Verlassen des Spielplatzes eine Razzia durchführen und sich in bescheuerte Diskussionen mit anderen Eltern verstricken. „Seid ihr sicher? Unser kleiner, gelber Rassel- Sandeimer von Spielstabil hat aber genau diese kleine Macke an der Seite, da hat mal ein Öko-Kind mit seiner Metallschippe draufgehauen.“ Was Eltern für ein Gezerre um kleine Plastik-Förmchen veranstalten können, kann man erst verstehen, wenn man zum achten Mal den kleinen Rassel-Sandeimer von Spielstabil nachkauft (6,99 Euro).

Es kann natürlich sein, dass das körnige Gefühl unter meinen Fingernägeln ganz woanders herstammt. Alles, für das ich aktuell keine Verwendung habe, stecke ich in meine Handtasche. Es sammeln sich darin halb angelutschte Lollies, Eierschalen, Kindersocken. Als ich vergangenen Freitag auf einem Konzert war, sagte der Türsteher am Eingang zu mir: ‚Ich muss mal in ihre Handtasche schauen.‘ Ist der verrückt?

Welche Schichten sich mittlerweile in all meinen Taschen, inklusive der Mantel- und Hosentaschen, angesammelt haben, kann höchstens noch ein Geologe nachvollziehen. Irgendwann wird meine Handtasche wahrscheinlich als Querschnitt in einem Schaukasten im Haus der Deutschen Geschichte ausgestellt, wenn es darum geht, Elternschaft im Millennium darzustellen.

Ob Meghan Markle mal einen Blick in ihre Tasche erlaubt?

Wie machen das eigentlich die anderen Eltern? Meghan Markle zum Beispiel. Die Verlobte von Prinz Harry. Die ist immer so absolut perfekt gestylt und geschminkt. Wenn die Mutter wird, wird sie dann auch mal eine Sand-Fruchtriegel-Apfelschorlen-Mischung an ihrem Handy kleben haben? Ich würde mich drüber freuen, wenn sie sich damit dann auch mal der Presse zeigen. Als kleine Geste der Solidarität anderen Müttern gegenüber. Aber so weit wird ein Profi wie sie vermutlich nicht gehen.

Ihre baldige Schwägerin Kate hat ja gerade vorgemacht, wie man es auch machen kann. Sie hat sich sieben Stunden nach der Geburt ihres dritten Kindes perfekt gebügelt und bemalt und auf hohen Hacken vor dem Krankenhaus präsentiert. Wie man aus der gut informierten Presse erfahren konnte, hat sie – noch während sie in den Wehen lag – mit ihrer Chef-Stylistin die Auswahl des Kleides für die Baby-Präsentation besprochen. Als Reaktion haben nun Frauen im Netz Bilder gepostet, wie sie selber kurz nach der Geburt ausgesehen haben und sie neben die Aufnahmen von Kate und dem jüngsten Prinz gestellt. Sie sehen komplett anders aus als die zukünftige Königin, logischerweise. Viele sind glücklich, einige komplett fertig, fast alle liegen noch im Bett. Die Stimmung auf einigen Bildern allerdings glich dem Inhalt meiner Handtasche. Sehr sympathisch.

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