Mamas & Papas

Und plötzlich schreist du beim Fußball fremde Menschen an

Wenn Kinder gegeneinander Fußball spielen, herrscht oft ein rauer Umgangston. Und manchmal eskaliert die Lage, beobachtet Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. Mein Sohn ist neun Jahre alt und spielt Fußball. Es ist kein besonders ambitionierter Verein, die Kinder sollen vor allem Spaß haben. Diese entspannte Haltung macht ihn nicht nur sympathisch, sie unterscheidet ihn auch von vielen Vereinen, gegen die wir so spielen. Ich habe schon Jungs gesehen, denen das Logo ihres Klubs in den Nacken rasiert war. Ich habe Väter erlebt, die ihre Söhne vom Spielfeldrand mit Liebesentzug bedrohten, woraufhin diese mitten im Spiel in Tränen ausbrachen. Auf Facebook habe ich mal ein Schild gesehen, das ein Verein aus der Münchener Ludwigsvorstadt an seinem Sportplatz aufgehängt hat: „Bitte beachten: 1. Es sind Kinder. 2. Es ist ein Spiel. 3. Die Trainer sind Freiwillige. 4. Die Schiedsrichter sind Menschen. 5. Wir sind nicht bei der WM.“

Am vergangenen Wochenende hätten wir dieses Schild dringend brauchen können, und zwar am besten im Format einer Großflächenreklame. Wir hatten ein Heimspiel gegen einen Verein, der den Ruf hat, sehr ehrgeizig zu sein. Ich habe gar nichts gegen Ehrgeiz, ich bin selbst ehrgeizig, aber ich habe etwas gegen Verbissenheit. Diese Verbissenheit betrat unseren Platz in Gestalt eines hünenhaften gegnerischen Trainers. Er trug eine getönte Brille und eine Art Imperatorenmantel, auf den hinten groß das Wort „Trainer“ aufgedruckt war. Schnell musste ich mich fragen, ob da nicht besser „Kaiser“, „Großwesir“ oder „Chef vons Janze“ gestanden hätte.

Denn so verhielt er sich. Er maßregelte unseren Trainer und belehrte ihn im Hinblick auf die Regeln, er blaffte unsere Spieler an, als würden wir uns nicht in der Kinderkreisklasse auf einem verlorenen Sportplatz befinden, sondern in der überhitzten Atmosphäre des Champions-League-Finales. Ich stand mit zwei anderen Vätern hinter der Absperrung und sah mir das Schauspiel mit wachsendem Befremden an. Die Laune des gegnerischen Trainers verdüsterte sich noch, als sein Team in Rückstand geriet. Die hereingebellten Befehle wurden schneidender. Am Ende gewann unser Team verdient mit zwei Toren Vorsprung. Sagen wir es so: Ein Sieg ist immer schön, aber dieser war wirklich herrlich.

Nun ist es Tradition, dass die Kinder nach dem Abpfiff noch ein Elfmeterschießen machen. Der Rahmen ist dann lockerer als während des Spiels. Ich betrat den Platz und ging zu meinem Sohn, um ihm seine Wasserflasche zu bringen. Da fiel mir etwas Seltsames auf. Der gegnerische Trainer hatte sich vor den Kindern aufgebaut und hielt ihnen einen Vortrag. Allerdings nicht vor seinen, sondern vor unseren. In harten Worten geißelte er ihre angeblich „unfaire Spielweise“ und wollte ihnen weismachen, dass dieses Ergebnis eigentlich so nicht in Ordnung sei. Die Kinder standen verunsichert vor dem Zweimetermann, hörten sich das an und blickten betreten zu Boden. In mir stieg Wut auf. Der Trainer hatte seinen Vortrag gerade beendet und ging weg. „Nehmt das nicht ernst, der ist nur sauer, weil er verloren hat“, sagte ich zu den Kindern.

Er hatte das gehört und stand plötzlich vor mir. „Du kannst dir deine Bemerkungen sparen!“, brüllte er mich an. „Wer bist du überhaupt? Ich weiß überhaupt nicht, wer du bist!“ Ich konnte mich nicht erinnern, ihm das Du angeboten zu haben. „Das geht dich ja auch überhaupt nichts an!“, schrie ich zurück. Darauf er: „Ich kann dich vom Platz schmeißen lassen!“ Ich: „Kannst du nicht!“ Er: „Ich mache eine Meldung! Im Spielbericht! Dann kriegt ihr Ärger!“ Ich: „Mach deine tolle Meldung!“

Mir wurde klar, dass sich hier gerade zwei Erwachsene vor einem Haufen entgeisterter Kinder zum Affen machten. Diese Rolle überlasse ich gerne anderen. Ich verließ den Platz also in angemessen langsamem Tempo. Dabei dachte ich: „Es sind Kinder. Es ist ein Spiel. Die Trainer sind Freiwillige. Die Schiedsrichter sind Menschen. Wir sind nicht bei der WM.“

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