Mamas und Papas

Die wichtigste Fähigkeit von Erziehern: Liebe

| Lesedauer: 5 Minuten
Judith Luig
Judith Luig mit Tochter Fiona / Berliner Morgenpost

Judith Luig mit Tochter Fiona / Berliner Morgenpost

Foto: Reto Klar

Was eine gute Erzieherin auch nach Jahren der Bildungsexperimente und diversen Fortbildungen ausmacht.

Berlin. Die Naturkita um die Ecke hat eine Sauna. Die Integrationskita ein paar Häuser weiter hat drei Betreuer für acht Kinder, die Kreativkita im Nachbarhaus hat eine eigene Werkstatt. In unserem Kiez gibt es Bio-, Natur-, Wald-, Montessori-, Pestalozzi-, Fröbel- und Waldorf-Kitas. Es gibt Humanistische Kitas, die „kind­orientierte Bildungsarbeit“ anbieten und solche, die 24 Stunden geöffnet haben. Bei uns gibt es Conni.

Unsere Kita wurde in einer Zeit gebaut, in der der Berliner Senat noch sicher war: Der Bedarf an Kitaplätzen wird in den nächsten Jahrzehnten rapide sinken. Ungefähr zu der Zeit fing Conni mit ihrer Ausbildung an. Die Politik erzählte mal dieses, mal jenes, die Schwerpunkte zum Thema Erziehung waren im ständigen Wandel. Permanent wurde irgendetwas reformiert im Bildungsplan, nur der Ausbau der Kitas blieb auf der Strecke.

Im Mai feiert Conni Jubiläum: Sie ist dann 40 Jahre lang Erzieherin. Sie hat mehr Fort- und Weiterbildungen gemacht, als man sich vorstellen kann: über vorurteilsbewusste Erziehung, über Fragen der Sexualität im Kindergarten, zur Lösung von Konflikten, zur Förderung von sehr kleinen Kindern ... Viele Dinge, die sie gelernt hat, wendet sie in ihrer Arbeit an. Der Kern aber ist der geblieben, mit dem sie damals ihren ersten Job angetreten hat: Liebe!

Begrüßungsjubel, für jeden der neu ankommt

Conni freut sich jeden Morgen sehr, wenn ein Kind den Gruppenraum betritt und wenn sie sich freut, dann freuen sich die anderen Kinder gleich mit und so vergeht die erste Stunde des Tages meist mit Begrüßungsjubel über jeden neu Ankommenden. Conni tanzt gern, und oft wird nach dem Frühstück Musik angemacht, dann singt Detlev Jöcker auf der CD „Jetzt geht es los“ und manchmal tanzen die Kinder dann mit Tüchern oder mit Seifenblasen aber auf jeden Fall mit der Discokugel, die irgendein Vater mal angebracht hat, weil Conni sehr geschickt darin ist, die Eltern mit einzuspannen.

In anderen Kitas hängen Schilder, dass in dieser Woche das Grippevirus umgeht, oder dass die Kinder Läuse haben. Bei uns steht auf den Schildern: „Morgen backen wir Apfelkuchen, wer bringt uns Äpfel mit?“

Sie hat mindestens genau so viel Spaß wie die Kinder

Letztens hatte ein Vater für seinen Job ein mongolisches Zelt aufgebaut, Conni organisierte sofort einen Ausflug dahin. Überhaupt macht sie gern Ausflüge, mal zum Urbanhafen zu den Schwänen, mal zur Markthalle zu den gebratenen Hühnern. Und wenn das Wetter zu schlecht ist, um rauszugehen, dann backt oder bastelt sie mit den Kindern, egal, ob die nun ein Jahr alt sind oder schon drei. Jeder kriegt eine Aufgabe. Einer rührt den Teig, ein anderer streut Mehl in oder neben die Schüssel, irgendwie wird immer ein leckerer Kuchen draus. „Kinder können so viel“, sagt Conni dann.

Bei allem, was sie macht, hat man das Gefühl, dass es Conni mindestens genau so viel Spaß macht wie ihren Schützlingen. Dabei steckt viel mehr dahinter: eine fundierte pädagogische Ausbildung, ein klares Konzept und sehr viel Begeisterung.

Conni ist besonders, aber da sie ist nicht die Einzige bei uns in der Kita. In einer Gruppe mit den größeren Kindern bietet eine Erzieherin japanisches Theater an, eine andere macht ein Raketenprojekt. Eines der vielen schönen Dinge ist: Ich habe selten so viele so engagierte Menschen getroffen.

5 500 Erzieher muss das Land in den nächsten Monaten einstellen, um den Bedarf an Plätzen zu befriedigen. Und das ist nur eine sehr grobe Schätzung. Bei uns in der Kita sind aktuell fünf Stellen frei. Und auch wenn die neue Bundesfamilienministerin eine Aufbesserung des Gehaltes verspricht, so kann das nur ein erster Schritt sein. Wir brauchen mehr Erzieher, nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erzieher.

Statt jetzt darüber nachzudenken, dass man Kitas einfach überbelegt bis an die Schmerz- oder Versicherungsgrenze oder ein Studium für Erzieher zu verlangen, sollte man sich erst mal überlegen, wie die guten Erzieher eigentlich arbeiten. Vielleicht lädt Conni ja mal Frau Giffey zum Kuchenbacken ein.

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