Mamas & Papas

Die Kunst des sinnlosen Telefonats

In der digitalen Welt gibt es Eingeborene und Einwanderer. Wenn sie miteinander reden, wird es schnell bizarr.

Felix Müller

Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. Ich bin zurzeit Strohwitwer. Meine Frau und die Kinder sind bei den Schwiegereltern in Italien. Das kommt öfter mal vor, wenn Schulferien sind und ich arbeiten muss. Vorher denke ich immer: Das wird sicher ganz erholsam. Aber dann sitze ich abends auf dem Sofa und finde die Wohnung zu still. Ich greife zum Telefon und rufe meine Frau an. Wie immer geht meine siebenjährige Tochter ran.

- „Hallo, hier ist Papa!“

- „Hallo, Papa. Ich kann gerade nicht sprechen.“

- „Warum nicht?“

- „Ich habe zu tun.“

- „Spielst du wieder auf dem Handy?“

- „Gar nicht.“

- „Doch, tust du. Darfst du das auch?“

- „Ich muss jetzt auflegen.“

Ich weiß nicht genau, wann es passiert ist, aber irgendwann, vom einen auf den anderen Moment, sind unsere Kinder zu Handyjunkies geworden. Um zu verhindern, dass sie ihre gesamte Kindheit lang auf Smartphonebildschirme starren, haben wir feste Zeiten eingeführt, in denen die Geräte erlaubt sind. Das klappt auch ganz gut, aber natürlich versuchen sie uns dauernd auszutricksen. Manchmal entdecke ich Apps auf meinem Handy, die ich niemals dort installiert habe. Eine heißt „Fashion MakeUp Salon“. Es geht darum, ein Frauengesicht möglichst aufwendig zu schminken. Ich fand sie in einem Ordner namens „unwichtig“, den meine Tochter zwischen von mir nur selten genutzten Apps versteckt hatte. Ich versuchte mit ihr darüber zu reden, aber sie hat da eine bestens funktionierende Strategie: Sie redet einfach irgendeinen Unsinn. Wenn ich sie dazu dann befrage, redet sie einen anderen Unsinn. Dann gebe ich meistens auf, Gespräch beendet.

Etwas unheimlich daran ist, dass ich ihr niemals beigebracht habe, wie man Apps auf einem Handy installiert. Ich habe ihr überhaupt nie etwas in Sachen Handy beigebracht, sondern das Handy hat ihr das alles selbst erklärt. Als ich in ihrem Alter war, kauften meine Eltern einen Heimcomputer, einen Commodore 64. Um ihn zu bedienen, brauchte man Grundkenntnisse einer Programmiersprache namens Basic. Heutige Geräte kennen solche Umwege nicht mehr, sie sind so selbsterklärend wie ein Lichtschalter, auf dem „Lichtschalter“ steht. Als mein Sohn vier Jahre alt war, erklärte er seiner Großmutter die Benutzung eines iPads, als habe er das Ding schon im Mutterbauch benutzt. Andererseits verstand er nicht, warum man die Reklameschilder an Bushaltestellen nicht mit Wischbewegungen beeinflussen kann.

„Digital natives“ nennt man die Generation derjenigen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind. Meine Kinder gehören fraglos dazu. Ich habe mich oft gefragt, ab wann ich mich selbst zum alten Eisen rechnen muss und mit der Entwicklung nicht mehr mitkomme. Wenn mein Sohn mit seinen Freunden das rätselhafte Spiel „Minecraft“ spielt, denke ich manchmal, dass dieser Zeitpunkt schon längst gekommen ist.

Aber das ist ja nicht schlimm, man kann mit den Kindern ja immer noch telefonieren. Das denke ich jedenfalls, wenn ich, wie jetzt gerade, Strohwitwer bin. Meine Tochter hat zwar eben erst aufgelegt, aber ich versuche es einfach noch einmal.

- „Was?“, fragt sie.

- „Du hast gerade einfach aufgelegt.“

- „Ich hab doch gesagt, ich habe zu tun.“

- „Okay, wenn du zu tun hast, kann ich dann wenigstens deinen Bruder sprechen?“

- „Nein.“

- „Warum nicht?“

- „Dann redet ihr wieder nur.“

- „Ok. Kannst du ihn wenigstens von mir grüßen?“

- „Nein“, sagt sie und legt auf.

Ich habe dann wirklich kurz überlegt, einfach eine Postkarte zu schicken. Aber ob die Kinder mit diesem alten Medium überhaupt etwas anfangen können?

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