Mamas & Papas

Von der Suche nach dem After-Baby-Body

| Lesedauer: 4 Minuten
Judith Luig
Judith Luig mit Tochter Fiona

Judith Luig mit Tochter Fiona

Foto: Reto Klar

Eines der großen Themen nach der Geburt eines Kindes ist der After-Baby-Body. Dabei wäre Gelassenheit wichtiger, findet Judith Luig.

Berlin. Am Mittwoch 11 Uhr klingelt etwas in unserer Wohnung. Ich kann das Geräusch zuerst nicht zu zuordnen, denke, der Radiowecker hat wieder einen seiner spontanen Anfälle, aber der ist es nicht. Ich folge dem Klingelton ins Schlafzimmer und finde in der untersten Schublade der Kommode etwas, das ich lange nicht gesehen habe: unser Telefon. Als die ersten Handys aufkamen, da fragte man bei einem Anruf immer, ob man störe. Später dann stellte man dieselbe Frage am Festnetz. Jemanden zu Hause anrufen, das wurde zu einem Einbruch in die Privatsphäre.

Letztens war auf einem Bild in einem Kinderbuch eines dieser alten Telefone zu sehen, mit großen Gabeln und einem riesigen Hörer, einer Schweinchenschwanzschnur und einer Drehscheibe. Bevor wir uns einigen konnten, wie wir Fiona diesen seltsamen Apparat erklären könnten, zeigte sie darauf und sagte „Telefon“. Die Kinder lernen doch mehr in der Kita als man denkt.

Ich betrachte das klingelnde Telefon in unserer Schublade und wundere mich. Ich gebe unseren Festnetzanschluss eigentlich nur noch heraus, wenn ich sichergehen will, dass man mich nicht erreicht. Ich versuche, die Nummer zu erkennen, kann sie aber nicht zuordnen. Ich gehe also dran, sage mit meiner unfreundlichsten Stimme „Luig“. „Hey“, sagt der Mann am anderen Ende. „Hier ist David.“ „David?“ „David aus dem Fitnessstudio.“ Ich bin so verwirrt, dass ich sofort einem Treffen zustimme. David ist, wie sich herausstellt, Personaltrainer.

Eines der großen Themen nach der Geburt eines Kindes ist der After-Baby-Body. Der Ausdruck scheint ausschließlich auf Frauen angewendet zu werden, die nach der Geburt ihres Kindes noch fitter und noch schlanker und noch tougher sind. Kate Middleton ist so ein Beispiel. Drei Stunden nach ihrer letzten Entbindung stand sie schon wieder schlank wie eh und je vor der Kamera. Der jüngste Fall ist Ana Ivanovic. Andere Mütter fotografieren in den ersten Tagen ihr Baby, sie fotografiert sich selbst. Beim Yoga.

„Wieso gehst du jetzt zu einem Personaltrainer?“, fragt mich der Mann. Ich: „Wegen des After-Baby-Bodys.“. „Unsere Tochter ist zweieinhalb“, so der Mann. Manchmal versteht er mich einfach nicht.

Ich komme eine Viertelstunde zu spät. Leider hat David auf mich gewartet. David hat Arme wie ein Vorgebirge. Ich bin beeindruckt. Was meine Motivation für den Besuch im Fitnessstudio sei, will er wissen. „Als Du anriefst, habe ich gerade die Steuer gemacht“, sage ich. „Da hätte ich mich durch alles ablenken lassen.“ David findet das nicht lustig.

Dies ist nicht meine erste Anmeldung in einem Studio. Ich hatte schon öfter die Vision, dass Sport mir sehr viel für mein Leben geben könnte. Aber schon nach kürzester Zeit stellte sich immer wieder heraus, dass ich dann auch tatsächlich zum Studio gehen, Gewichte stemmen, auf Matten schwitzen müsste, all diese langweiligen Sachen.

„Du musst doch irgendeine Motivation haben“, sagt David. Und dann beginnt er mit einem kleinen Vortrag, den er sicher nicht zum ersten Mal hält. Dass sich der menschliche Körper seit 80.000 Jahren nicht verändert hat, wir aber seit der Industrialisierung nur noch Kühe im System seien, die nichts mehr tun müssten, sondern nur noch gemolken werden. Vom Staat. Wir müssten uns auch nicht mehr mit unseren eigenen Händen verteidigen, das mache jetzt die Polizei. Ich bin komplett irritiert. Kann mich das Hantelstemmen wirklich aus dieser unfreien Lage befreien? Auf dem Oberarm von David entdecke ich die Reste eines Tattoos. Steht da Jael? Eine Ex-Freundin? Oder steht da Jail?

Zwei Stunden, sechs Trainingssets und mehrmaliges flehentliches Bitten von mir, dass wir endlich aufhören mögen, verlasse ich das Fitnessstudio wieder. Auch wenn ich kaum mehr laufen kann. Es gibt Frauen mit einem After-Baby-Body, ich habe eher einen After-Baby-Mind. Seit der Geburt von Fiona habe ich die Gelassenheit gewonnen, Dinge einfach mal so laufen zu lassen. Bis auf eines vielleicht: Morgen bestelle ich das Festnetz ab.

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