Mamas und Papas

Ein Zahn ist so viel wert wie ein Fahrrad

Ein Ereignis, das Menschen bewegt und Massenpanik auslösen kann: Die Tochter verliert die Milchzähne. Die Kolumne von Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. Die Sache mit dem Zahn ist endlich vorbei. Die Siebenjährige war mit ihrer Schulklasse im Museum, als es passierte. Der Schneidezahn oben links, der schon seit Wochen wackelte, löste sich und fiel heraus. Es war ein Triumph.

Denn das Timing hätte nicht besser sein können. Sie war das letzte Mädchen in der Klasse ohne Zahnlücke. Jeden Tag gab es spöttische Blicke von den Mitschülerinnen und heuchlerisch besorgte Fragen, ob sich denn immer noch nichts tue. Schon Anfang Februar verkündete die Siebenjährige deshalb kämpferisch am Frühstückstisch, jetzt nur noch ganz harte Dinge essen zu wollen, altes Brot zum Beispiel.

Aber die Sache zog sich trotzdem hin. Irgendwann konnte sie den losen Zahn mit der Unterlippe nach außen drücken, wollte aber von meinen Angeboten, das Ding einfach herauszureißen, nichts wissen. Ich erzählte ihr auch von der Sache mit der Schnur und der Türklinke, und sie meinte dann, das hätte man vielleicht im vorigen Jahrtausend so gemacht. Sie sagte das in einem Tonfall, als hätte ich ihr vorgeschlagen, auf dem Hochrad zur Schule zu fahren. Sie kaufte sich dann eine kleine, verzierte Schatulle, um dort den Zahn reinzulegen. „Für die Zahnfee“, sagte sie.

Mir fiel eine Episode aus der US-Fernsehserie „Modern Family“ ein. Dort hat ein männliches Paar eine Tochter adoptiert, und diese Tochter verliert ebenfalls einen Zahn. Die Amerikaner erzählen ihren Kindern gern, dass nachts die Zahnfee kommt, den Milchzahn mitnimmt und ein kleines Geschenk dalässt, zum Beispiel einen Dollarschein. Den will auch einer der beiden Väter der Tochter unter das Kopfkissen schieben, aber weil er am späten Abend bereits eine Flasche Chardonnay intus hat, wird aus Versehen ein Hundert-Dollar-Schein daraus. Am nächsten Morgen ist die Tochter begeistert von der großzügigen Zahnfee, und der Rest der Folge handelt dann von den Versuchen, der Tochter den Schein wieder abzuluchsen, ohne die schöne Geschichte zu zerstören.

Mir wird das nicht passieren. Zumal meine Tochter auch davon ausgeht, dass sie den Zahn behalten kann und trotzdem ein Geschenk bekommt. Sie hat sowieso eine etwas eigenwillige Vorstellung von Tauschgeschäften.

Als der Zahn im Museum rausfiel, wickelte sie ihn zunächst in ein Taschentuch. Sie erzählte später, sie habe dieses Taschentuch zwischenzeitlich verloren, es aber dann wiedergefunden. Ich bin mir sicher, dass dies eine stark verkürzte Darstellung der Vorgänge ist. Es wird vielmehr so gewesen sein, dass sie das Taschentuch mit dem Zahn verlor und einen schweren Tobsuchtsanfall erlitt, der die gesamte Schulklasse dazu brachte, das Zahntaschentuch panisch mit ihr zu suchen. Ich könnte ihre Klassenkameraden dazu befragen, aber ich möchte nicht an einem frisch erlittenen Trauma rühren.

Jedenfalls liegt der Zahn jetzt in der Schatulle und muss am Esstisch regelmäßig von allen bestaunt werden. Die Siebenjährige hat im Innern des Zahns eine dunkle Substanz entdeckt und meine Vermutung, dabei handle es sich wohl um abgestorbene Nerven, als puren Unsinn zurückgewiesen. Ihrer Ansicht nach ist es unpoliertes Gold. Sie hat anscheinend irgendwo aufgeschnappt, dass manche Menschen Gold im Mund haben, und daraus die messerscharfe Schlussfolgerung gezogen, das müsse bei ihr dann auch so sein. Ich möchte sie gern in diesem hübschen Glauben belassen.

Ich fragte sie, was sie davon halten würde, wenn ihr die Zahnfee einen Strohhalm schenke. Das sei doch praktisch, sie könne den Strohhalm durch die Zahnlücke schieben und dann trinken, ohne das Gebiss öffnen zu müssen. Im Gesicht meiner Tochter mischte sich Fassungslosigkeit mit Verachtung. Ihre Vorstellung geht wohl eher in Richtung eigenes Handy, neues Fahrrad, vielleicht sogar ein Pferd. Ich fürchte, in diesem hübschen Glauben werde ich sie nicht belassen können.

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