Mamas & Papas

Warum die U7 auch ein Test für die Eltern ist

Eltern können anderen Leuten das Verhalten ihres Nachwuchses nicht erklären. Und sie müssen es auch nicht.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

„So“, sagt die Assistentin und strahlt übers ganze Gesicht. „Jetzt ist Fiona dran.“ Ich strahle auch. Die Assistentin unseres Kinderarztes hat kastanienbraune Korkenzieherlocken, Alabaster-haut und ein unwiderstehliches Lächeln. Die Assistentin ist so hübsch und so nett, Fiona wird die Untersuchung bei ihr sicher mit Bravour meistern. „Komm, mein Schatz“, sage ich zu meiner Tochter. „Wir sind dran. Ähem, ich meine natürlich: du.“

Ich gebe zu, ich hatte große Angst vor diesem Termin. Die U7, die siebte Untersuchung der Kinder, die um ihren zweiten Geburtstag herum ansteht, ist anders als die anderen. Jetzt werden sie nicht einfach nur vermessen, diesmal müssen die Kinder aktiv mitmachen. Ihre geistige Entwicklung wird überprüft. Bis zu 50 Worte sollen sie nun beherrschen, so hatte es mir die Logopädin in der Kita eingeschärft. Sie sollen Treppen selbstständig raufgehen, Bälle in einen Korb werfen und andere kleine Aufgaben lösen. Die U7 ist die erste Prüfung, die die späteren Harvard-Absolventen von den Busfahrern trennt. Auf jeden Fall fühlt es sich so an.

Fiona rührt sich nicht. Wir sitzen da

Im Behandlungszimmer hat die Assistentin Spielzeug auf einem Tisch ausgebreitet. Sie beginnt damit, bunte Holzklötzchen aufeinander zu stapeln. Erst eins, dann zwei, dann drei. Ich frage mich, wann sie glaubt, dass Fiona das Prinzip verstanden hat. Die Assistentin stapelt weiter. Als alle zehn Klötzchen verbaut sind, schaut sie uns auffordernd an. Sollen wir applaudieren? Ich mache vorsichtshalber nichts. Fiona auch nicht. Die Assistentin stapelt in aller Ruhe alle zehn Klötzchen wieder ab. „Und jetzt du, Fiona“, sagt sie. Fiona rührt sich nicht. Wir sitzen da. Eine Minuten, zwei Minuten. Nichts passiert. Nur das Lächeln der Assistentin lässt langsam nach. Bei der U7 geht es auch um Sozialverhalten.

„Gut“, sagt sie. „Dann spielen wir etwas anderes.“ Sie hält eine Karte hoch, auf der ein Hund gemalt ist. „Was ist das?“ Schweigen. Auf der nächsten Karte ist eine Ente. „Und das?“ Schweigen. „Aber das hier kennst du bestimmt!“ Mit übermenschlichen Kräften unterdrücke ich meinen Impuls, einfach laut „Ball“ zu sagen. Die Assistentin fängt an, genervt von uns zu sein.

Ich sage brav und ergeben: Nein, nein und nein

„Dann kommen jetzt mal ein paar Fragen an Sie“, sagt sie zu mir. „Kann Fiona den Plural bilden?“ – „Oh, ich fürchte nein.“ – „Kennt sie alle Namen von den Kindern aus der Kita?“ – „Äh. Nein.“ – „Geht sie selbstständig die Treppe hoch?“ – „Kann sie hüpfen?“ - „Zieht sie sich selber an und aus?“ Ein einziges Mal rutscht mir ein: „Mit zwei Jahren?“ raus. Ansonsten sage ich brav und ergeben: Nein, nein und nein, das kann sie auch nicht. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Ich bin völlig fertig. Die Assistentin sagt: „Ich hole mal besser den Arzt.“ Wir bleiben allein im Zimmer zurück. Fiona hebt ihre Hand, zeigt auf eine Kuh an der Wand und sagt: „Zebra.“ – „Ja, Liebes“, sage ich. Wir haben es geschafft. Ich bin irgendwie stolz auf uns.

Als Mutter neigt man dazu, sein Kind anderen Leuten ungefragt zu erklären. Wenn das Kind etwas macht, was von dem erwarteten Verhalten abweicht, versucht man viel zu oft, es zu entschuldigen. Es schreit in der Bahn? „Ach, sie hat Hunger.“ Es grapscht im Supermarkt nach den Süßigkeiten? „Oh, das macht sie sonst nie!“ Es schubst ein anderes Kind von der Schaukel? „Was die nicht alles in der Kita lernen heutzutage!“ Es ist auch ganz egal, ob das völlig fremde Menschen sind, oder nahe Verwandte. Manche Mütter erzählen einem die absurdesten Geschichten über ihre Krabbelkinder. Na und? Was soll das Kidsplaining?

Die U7, auf jeden Fall meine persönliche U7, war wie ein Test für mich. Kann ich es aushalten, dass Fiona in einem wichtigen Moment in ihrem Leben einfach so ist, wie sie ist? Auch wenn eine sehr schöne Assistentin etwas ganz anderes von ihr verlangt? Es stellt sich raus, dass es nicht einfach ist. Ich glaube, jetzt sind wir bereit für die Einschulung.