Mamas & Papas

Wo früher Hamster waren, sind heute Zombies

Wofür sich die lieben Kinder interessieren, ist nicht vorhersehbar. Und verhandelbar ist es schon gar nicht.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. Seit ich Kinder habe, beschäftigt mich die Frage, was das nächste große Ding sein wird. Man muss sich auf das nächste große Ding psychologisch nämlich gut vorbereiten, sonst kann man bleibende Schäden davontragen.

Als mein Sohn ungefähr zwei Jahre alt war, war Bobo Siebenschläfer das große Ding. Für alle Nichteingeweihten hier kurz zur Erläuterung: Bei Bobo Siebenschläfer handelt es sich um ein nicht besonders ansprechend gezeichnetes Nagetier, das ein wahnsinnig langweiliges Leben führt, worüber in nicht minder langweiligen Büchern berichtet wird. Am Ende wird Bobo immer müde, wohl in der Hoffnung, dass das Kind, das die Geschichten Bobos vorgelesen bekommt, ebenfalls müde wird. Doch diese Hoffnung trügt. Mein Sohn jedenfalls gab sich mit der schlaffen Pointe, dass jemand schlafen geht, nicht zufrieden. Nicht enden wollende Stunden lang saß ich neben ihm, las simple Bobo-Sätze vor und wünschte mich an einen anderen Ort. Bobo lacht. Bobo geht schlafen. Gute Nacht, Bobo! Mein Sohn hat ihn längst vergessen, in meinen Albträumen ist er immer noch Stammgast.

In der Realität verschwand Bobo dann, weil das nächste große Ding in Gestalt einer riesenhaften Echse um die Ecke bog. Ich war auf die Sache mit den Dinosauriern nicht vorbereitet. Der Sohn war inzwischen so circa vier Jahre alt, und an den Wänden seines Kinderzimmers machten sich Plakate mit dem Skelett des Tyrannosaurus Rex und vergleichbaren Motiven breit. Wenn ich morgens verschlafen und barfuß durch die Wohnung schlich, trat ich auf kleine Velociraptor-Figuren aus Plastik. Irgendjemand hatte ihm ein Quartett geschenkt, das ich jetzt dauernd mit ihm spielte. Es füllte meinen Kopf mit Namen, die ich auch heute noch nicht losgeworden bin: Diplodocus. Stegosaurus. Allosaurus. Entenschnabel-Dinosaurier. Auch in der Kita waren Saurier für meinen Sohn jeden Tag ein Riesenthema, es entstanden ungezählte Bilder und Basteleien, die jetzt die Schubladen unseres Schreibtischs füllen. Ich habe bis heute nicht verstanden, woher die kleinkindliche Begeisterung für Dinosaurier kommt, aber ich würde jedem Paläontologen empfehlen, sich in dieser Zielgruppe nach Experten umzusehen: Da gibt es was zu holen.

Wenn auch nicht für lange Zeit. Denn wenn ich meinen Sohn heute auf Dinosaurier anspreche, rollt er zuerst mit den Augen und dreht sich dann nervös um, weil er sicherstellen will, dass niemand Papas peinliche Frage gehört hat. Sie sind in seinem Leben ausgestorben. Er ist jetzt neun Jahre alt, und wenn es ein großes Ding in seinem Leben gibt, dann heißt es Minecraft. Ja, das ist ein Computerspiel, und Papa ist da jetzt nicht mehr so ganz gefragt. Das liegt nicht nur daran, dass ich inzwischen häufiger mal als peinlich gelte, sondern auch daran, dass ich dieses Spiel, das mein Sohn da spielt, nicht im Mindesten verstehe.

Es geht wohl irgendwie darum, dass man sich in einer grafisch nicht besonders ansprechend animierten Welt so eine Art Lebensraum aus Blöcken konstruiert. Man kann dort auch mit anderen Spielern interagieren, aber auch der leidige Kampf gegen Monster gehört zum Programm. Das mit dem Häuserbauen macht mein Sohn besonders gern dann, wenn er sich von elterlicher Seite beobachtet fühlt und die pädagogisch konstruktive Seite des Spiels präsentieren möchte. Sobald die Eltern woanders hinschauen, geht es gegen Zombies und andere unfreundliche Gesellen hart zur Sache. Wir haben nach längeren Diskussionen die Zeit mit Minecraft auf eine halbe Stunde pro Tag begrenzt, weil dieses Spiel sonst den vollständigen Abschied von der Realität bedeuten und sicher auch die Ankunft des nächsten großen Dings erschweren würde. Was mag es wohl sein? Ich würde meinem Sohn diesmal gerne beratend zur Seite stehen. Aber ich fürchte, ich werde wieder mal nicht gefragt.

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