Mamas & Papas

Der Kampf ums Anziehen und wie Siebenjährige das finden

Was zieht man im Winter am besten draußen an? Siebenjährige Mädchen haben dazu sehr erfrischende Ansichten, sagt Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Berlin. Vor ein paar Jahren machte einmal eine Meldung die Runde, die mir seitdem immer wieder einfällt. Es ging um eine 32-jährige Anwältin, die in München auf dem Fahrrad unterwegs war und von der Polizei angehalten wurde. Auf dem Kindersitz befand sich ein anderthalbjähriges Mädchen, vollständig nackt und bei 11 Grad Herbsttemperatur ziemlich durchgefroren. „Ebenso einzigartig wie der Vorgang“, hieß es in dem Bericht, „war auch die Erklärung, die die junge Frau den Polizisten präsentierte: Das Kind habe sich nicht anziehen wollen.“

Die Anwältin kassierte eine Anzeige wegen der Misshandlung Schutzbefohlener. Zu Recht. Aber seitdem ich von ihr las, tanzt sie als kleine Teufelin in meinem Kopf herum. Nämlich immer dann, wenn mich unsere Siebenjährige mit ihrer kapriziösen Anziehpolitik in den Wahnsinn treibt. Also sehr oft. „Probier es einfach aus“, frohlockt sie dann, „danach wird es nie wieder Diskussionen geben!“

Es sind Ferien, wir sind nach Mecklenburg-Vorpommern gefahren. In der Nähe unseres Hauses ist ein Reiterhof. Ich bringe die Siebenjährige jeden Tag hin. Aber was soll sie nur anziehen? Am ersten Tag wuchs sich diese Frage zur Krise aus.

Ihr war nämlich klar: Bei der Reitstunde würde sie andere Mädchen treffen. Schlimmer noch: etwas ältere Mädchen. Auf dem Reiterhof, das muss man wissen, geht es nämlich nicht immer nur freundlich und kameradschaftlich zu. Die älteren Mädchen würden über alles eine Meinung haben, und im Zweifel eine hochnäsige. Über ihr Pferd. Über die Art, wie sie es striegelt. Über ihren Reitstil. Und natürlich, ein Klassiker, über ihre Kleidung. Ihr schwebte deshalb ein Look von zeitloser Eleganz vor: mondän, klassisch, leichtfüßig. Im Winter, bei Minus fünf Grad draußen. Ein Dilemma.

Ich stand also, schon mittelschwere Schreiereien vorausahnend, mit ihrem dicksten Strickpullover und ihren Handschuhen in der Küche, als Madame aus dem Bad kam. Sie trug ihr Sternchen-T-Shirt und ihre dünnste Strumpfhose.

„Was soll das sein?“ – „Das ist mein Sternchen-T-Shirt! Das kennst du doch.“ – „Ja, aber ist dir klar, wie kalt es draußen ist? Da liegt Schnee. Du ziehst jetzt diesen Pullover an.“ – „Den mag ich nicht, der ist hässlich!“ – „Du ziehst ja eh noch den Anorak drüber.“ – „Nein!“ – „Doch.“

Schneller als sonst waren wir im Nein-doch-Stadium unserer Diskussionen angekommen. Die Zeit drängte, ihre Unterlippe bebte, ein Machtwort musste her. Ich gab ihr also zu verstehen, dass sie die Reiterei vergessen könne, wenn sie jetzt nicht sofort … sie zog ihn dann an, dazu sogar eine dickere Strumpfhose und auch den Anorak. Aber die Handschuhe – nein. Auf keinen Fall. Ich setzte zum zweiten Machtwort an, ließ es dann aber bleiben. Sie würde schon sehen. In meinem Kopf radelte eine Anwältin mit ihrer nackten Tochter durch München.

Wir fuhren also zum Reiterhof, die Handschuhe packte ich in meine Manteltasche. Die Pferdewirtin, ganz schweigsame Mecklenburgerin, sagte nichts und wies nur grimmig auf einen Stall. Dort holten wir ein Pferd namens Schecki heraus und diskutierten kurz die Frage, ob es wegen seiner Fellzeichnung so heiße (meine Theorie) oder „weil es immer alles ganz schnell checkt“ (die meiner Tochter). Ich brachte Kind und Pferd zur Reithalle, wo beide von der Reitlehrerin in Empfang genommen wurden. Ich sah ein paar Minuten zu, dann wurde es mir zu kalt und ich zog mich ins Auto zurück.

Irgendwann klopfte es an der Scheibe. Die Pferdewirtin. „Ihr Kind friert an den Händen!“, bellte sie vorwurfsvoll. Hat sie denn keine Handschuhe?“

Als ich sie meiner Tochter kurz darauf grinsend anzog, rollte sie mit den Augen. „Du kannst wieder gehen“, sagte sie.

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