Mamas & Papas

Die Hölle auf Erden heißt Bodenturnen

Für das Leben lernen wir: Wenn beim Vorlesen grausame Erinnerungen an den Sportunterricht aufkommen.

Felix Müller / Kolumne

Felix Müller / Kolumne

Foto: Reto Klar

Gestern zum ersten Mal den Kindern einen Comic vorgelesen. Sie sind neun und sieben Jahre alt und lesen so was eigentlich schon selbst, aber wir haben nun mal dieses abendliche Vorleseritual – und ich war gestern, nachdem ich schon den ganzen Tag gelesen und geschrieben hatte, einfach zu müde für längere Texte. Also zeigte ich auf Sprechblasen und verstellte, je nach Rolle, meine Stimme.

Die Hauptrolle in dem Comic spielt ein kleiner Esel. Er wohnt mit seinen Eltern, wie das kleine Esel nun mal so tun, am Rande der Stadt. Sein bester Schulfreund ist ein Schwein mit riesiger Schnauze, und insgeheim ist er in eine junge, hübsche Kuh verliebt. Sein Klassenlehrer ist ein Hund und sein Sportlehrer ein etwas nerviger Hahn, der dauernd das Wort „quasi“ benutzt.

- „Papa?“, fragte mein Sohn.

- „Ja?“

- „Was bedeutet ,quasi‘?“

- „Hm. So was wie ,sozusagen‘ oder ,gewissermaßen‘.“

- „Also kann man’s auch weglassen?“

- „Äh, also, ja, quasi meistens.“

- „Lies weiter.“

Die Geschichte war nett. Der Esel geht zur Schule und hat Sportunterricht. Der Lehrer demütigt zuerst einen Klassenkameraden von ihm, einen Hengst. Der Hengst soll Hochsprung machen, aber es geht nicht, und der Lehrer sagt, alle Pferde können springen, nur du nicht. Der Hengst ist sehr traurig.

- „Warum schaust du so ernst?“, fragte mein Sohn.

- „Ach, mir fiel nur ein Sportlehrer von mir damals ein. Der war auch so wie der Hahn.“

- „Hat der auch immer ,quasi‘ gesagt?“

- „Ach egal. Kann ich jetzt weiterlesen?“

- „Okay.“

Es ist jetzt mehr als 30 Jahre her, aber die Sache mit der Rolle rückwärts werde ich meinem Sportlehrer nie vergessen. Wir hatten in der Halle die Matten ausgelegt, es stand also Bodenturnen auf dem Programm. Ich sprang gern über den Kasten, ich kam auch mit dem Barren zurecht, aber Bodenturnen? Horror. Während die Mädchen aus meiner Klasse aus purer Langeweile Flickflacks machten, wurde ich in der einfachsten Übung geprüft: Rolle rückwärts in die Hocke, Strecksprung. Den Strecksprung beherrschte ich eins a, aber so weit kam es leider nicht, weil mir die Rolle rückwärts nicht gelang. Ich kippte immer irgendwie zur Seite weg. Mein Lehrer war entweder Sadist oder fühlte sich pädagogisch herausgefordert, jedenfalls wollte er einfach nicht wahrhaben, dass ich das nicht konnte und auch nicht lernen würde. Ich musste es wieder und wieder versuchen. „Alle können das“, sagte der Lehrer.

Ich suchte nach dem Knopf für die Falltür

Ich stellte irgendwann fest, dass die Mädchen mit den Flickflacks aufgehört hatten und dem Schauspiel fasziniert zusahen. Ich suchte nach dem Knopf, der eine Falltür im Boden öffnen und mich verschwinden lassen würde. Aber es gab leider keinen solchen Knopf. Nach 20 Minuten – mir kamen sie wie Stunden vor – hatte auch der Sportlehrer ein Einsehen und nahm sich den nächsten Schüler vor. Der schlägt jetzt sicher aus dem Stand einen Salto, dachte ich. Aber ich sah dann lieber nicht hin.

- „Wie läuft’s denn bei dir so im Sportunterricht?“, fragte ich meinen Sohn.

- „Och, ganz gut.“

- „Was macht ihr da so?“

- „Alles Mögliche. Fußball und so.“

Das war der beste Satz am gestrigen Abend: Fußball und so. Wenn ich darüber nachdenke, dann fasst er ganz genau zusammen, was Sportunterricht für mich immer war. Es gab Fußball, und es gab „und so“. In diesem lapidaren „und so“ verbarg sich eine ganze Fülle von Möglichkeiten, mich vollständig zu blamieren. Ich sage nur Schlagballweitwurf, Hochsprung, Aufschwung am Reck, auch Kraulen im Schwimmunterricht. Oder eben Rolle rückwärts. Warum macht man sie überhaupt rückwärts, wenn man sie auch vorwärts machen kann?

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