Mamas & Papas

Die Renaissance der Gattin

Die Wiederauflage eines alten Erfolgsmodells weiblicher Selbstverwirklichung trifft man heutzutage wieder häufiger.

Judith Luig mit Tochter Fiona / Berliner Morgenpost

Judith Luig mit Tochter Fiona / Berliner Morgenpost

Foto: Reto Klar

Wenn Sie eine Frau sind und arbeiten, dann tun Sie das laut Statistischem Bundesamt momentan noch ohne Bezahlung. Denn erst in 57 Tagen, am 18 März, ist der Equal Pay Day, der Tag, der symbolisch für den geschlechtsspezifischen Unterschied in der Bezahlung steht. 77 Tage arbeiten Frauen also umsonst. Blöd, oder?

Ja. Genau. Es gibt die unterschiedlichsten Arten, wie Frauen mit dem Gehaltsgap umgehen. Manche arbeiten doppelt so hart und so viel, damit sie gleich viel Geld bekommen wie ein Mann, der die Hälfte leistet. Andere ignorieren oder leugnen einfach den Unterschied in der Entlohnung. Wieder andere gehen die Situation pragmatisch an. Wie die Gattin. Wenn ich schon nicht so viel Geld verdiene wie ein x-beliebiger Mann, dann gebe ich einfach doppelt so viel Geld aus wie mein Mann, scheinen sie sich zu denken.

Die Gattin ist eine Wiederauflage eines alten Erfolgsmodells weiblicher Selbstverwirklichung und somit keine wirklich neue Erscheinung. Aber in Zeiten, in denen so viele nach Gleichberechtigung streben, ist sie doch immerhin eine etwas schräge Erscheinung. Auch wenn sie in gewisser Weise durchaus als emanzipiert gelten könnte, immerhin macht sie sich frei vom Druck des Zeitgeistes. Für die Bezeichnung Gattin qualifiziert man sich heute, wenn man einen reichen Ehemann oder Partner hat. Ich kannte Gattinnen bis vor Kurzem nur aus dem zuweilen verstaubten Wortschatz der Vermischtes-Meldungen. Da ist zum Beispiel die Unternehmergattin oder die Millionärsgattin. Doch neuerdings mehren sich die Gattinnen auch in meinem erweiterten Freundeskreis.

Wolfgang kümmert sich um die Details - wie die Bezahlung

Vor ein paar Wochen habe ich eine Bekannte zum Lunch eingeladen, die mir einen Gefallen getan hatte. "Sollen wir mit einem Crémant starten?", schlug sie zur Begrüßung vor. Sie bestellte im Laufe des Essens vier Getränke, trank zwei davon nur zur Hälfte aus und erzählte mir währenddessen von dem neuen Wochenendhaus, das sie sich an der Ostsee gekauft hatte. Ich war sehr beeindruckt. "Wie viele Quadratmeter hat es denn?" – "Keine Ahnung, um die Details kümmert sich Wolfgang." Details wie die Bezahlung zum Beispiel.

Eine andere Freundin erzählte mir, sie habe sich anwaltlich beraten lassen, was ihr Freund ihr im Falle einer Trennung an Unterhalt zahlen müsse. Die beiden haben drei Kinder. "Ihr wollt euch trennen?", fragte ich. "Nein, aber ich würde einfach gerne wissen, was mir zusteht. Immerhin arbeite ich ja weniger, weil sich ja einer mit den Kindern beschäftigen muss." Dieser eine ist aber im allermeisten Fall ihr Babysitter.

Die Gattin fährt Autos, die im Unternehmen ihres Mannes als Firmenwagen laufen, sie renoviert am laufenden Meter ihr Haus oder ihre Wohnung, am liebsten das Bad, denn das ist in der Regel am teuersten.

Wenn die Gattin ein Projekt aufgibt, ist ein anderer schuld

Die Gattin arbeitet auch. Klar. Sie tut das bevorzugt in Berufen, die etwas mit Einrichtungen oder Kindern zu tun haben. Mit dem Geld ihres Ehemannes eröffnet sie Babyboutiquen oder Kinderbuchhandlungen. Sie veranstaltet Mutter-Kind-Yoga auf der ausufernden Dachterrasse ihrer Dachgeschosswohnung, sie gründet ein Start-up, das wöchentlich in Aboboxen Probeprodukte an junge Mütter verschickt. Was auch immer sie anfängt, nach kürzester Zeit ist sie gelangweilt davon. Wenn sie ein Projekt wieder aufgibt, ist ein anderer schuld daran. Die Zeit, ihr Mann mit seinem Beruf, die Kollegen, die Kinder.

Letztens habe ich mich mit einer Kollegin über die Gattinnengattung unterhalten. Ich erzählte ihr meine Theorie vom Equal Pay Day. "Das ist Quatsch", sagte sie. "Das ist die Rache der Gattinnen an den Karrieremännern, weil die nicht schwanger wurden und stillten und sich um die Kinder kümmern mussten. Die Frauen sind einfach frustriert." Aha, das würde zumindest erklären, warum fast alle Gattinnen, die ich kenne, so übel gelaunt sind. Andererseits: Gilt das Schreiben einer Mütterkolumne eigentlich auch als Gattinnenjob? In dem Fall gibt es auch ein paar fröhliche.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.